Mit Mut, Kraft und Leidenschaft

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Die Schüler vom Zirkus Picobello zeigten beim Fest zum 70. Geburtstag der freien Georgenschule, was sie so alles drauf haben.  Foto: 

Mit viel Mut, Kraft, Leidenschaft und Begeisterung sind die Gründer der Reutlinger Waldorfschule damals ans Werk gegangen“, berichtete OB Barbara Bosch am Samstag bei der Feier zum 70. Geburtstag der anthroposophischen Einrichtung am Rande des Volksparks. All die Eigenschaften waren damals laut Bosch vonnöten, im Jahr 1946, kurz nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs, als die Stadt in Schutt und Asche lag.

Genauso wie die Georgenschule in Reutlingen wurde auch die allererste Waldorfschule in Stuttgart 1919 gegründet – ein Jahr nach Krieg, Tod und Zerstörung, betonte Herbert Reichert, der bis zum Jahr 2000 Geschichtslehrer an der Reutlinger Freien Georgenschule war – und einige derjenigen Lehrer zumindest noch kannte, die anfangs mit dabei waren. In Reutlingen waren Erich Weismann und seine Gefährtin Hilda Herklotz die maßgeblichen Personen, die hinter der Schulgründung standen.

„Unter den ersten Lehrern waren vier Kriegsversehrte, und Weismann war der einzige mit praktischer Lehrerfahrung“, berichtete Reichert weiter. Und wo wurde unterrichtet? „Überall“, so der einstige Geschichtslehrer. An zehn verschiedenen Orten in der Stadt und sogar in Pfullingen. Bald jedoch wuchsen am heutigen Standort die „vereinigten Hüttenwerke“, in den 1970er Jahren wurden dann die heutigen Gebäude errichtet. „Familiäre Nähe“ habe es in der Schule schon immer gegeben, was aber nicht immer mit Harmonie gleichzusetzen gewesen sei, so Reichert. Aber: „Es herrschte Verlass und Solidarität.“

Wichtige Etappen im weiteren Entstehen der heutigen Freien Georgenschule seien der Kindergarten in der Kantstraße gewesen, die Ganztagesbetreuung in der Schule, der Hort und zuletzt die Kinderkrippe für Ein- bis Dreijährige, wie der heutige Lehrer Michael Röck ausführte. „Sie haben immer auf die gesellschaftlichen Anforderungen reagiert – das zeigt, wie lebenspraktisch orientiert die Anthroposophie ist“, sagte Bosch. Und sie bekam für diese Aussage spontanen Applaus von den Gästen. Kräftigen Beifall bekamen aber auch die jungen Musiker der 7. und 8. Klasse, die eingangs einen Marsch von Händel intonierten. Viel Applaus spendeten die Gäste zur Aufführung von Schülern mit ihrem Zirkus Picobello, neben Jonglage, Schauspielkunst und Artistik gab es laut Claudia Stirnkorb als moderierende Lehrerin bei der Feier die Erkenntnis, dass Unterricht an der Waldorfschule eben doch anders als an anderen Schulen sei.

Dr. Albrecht Hüttigs Vortrag  regte zum Nachdenken an. Hüttig, selbst ehemaliger Schüler an der Georgenschule und Vater von Kindern, die dort die Schule besuchten, ist nun Lehrer an der Nürtinger Waldorfschule. „Mehr geht nicht“, so Stirnkorb. Hüttig wies auf die weltweiten gesellschaftlichen Entwicklungen hin, in einer Zeit, in der Mensch und Maschine immer mehr zusammenwachsen würden. „Das Alter der geistbegabten Maschinen hat begonnen“, so der Waldorf-Lehrer. Was das für die Pädagogik bedeute? „Das ist abstrus.“ Doch es gebe auch eine Gegenentwicklung: Gemäß der Theorie des Anthropozän habe der Mensch „die Erde seit der industriellen Revolution in eine Sackgasse geführt“. Durch das rational-analytische Denken sei der Sinnzusammenhang verloren gegangen. „Wir müssen zu einer ganzheitlichen Weltsicht finden“, sagte Albrecht Hüttig. „In diesem Spannungsgefüge stehen die Waldorfschulen.“ Weniger tiefgründig als vielmehr jede Menge Schönes, Puppenspiel und Mitmachaktivitäten gab es dann in den nachfolgenden Stunden beim alljährlichen Basar der Freien Georgenschule.

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