Mit Lasso, Schwan und Teekanne

Ein fröhliches Wiedersehen in der ausverkauften Stadthalle: The Classic Buskers bereicherten wieder das Faschingskonzert der Philharmonie mit ihren Musik-Persiflagen, assistiert von Dirigent Darrell Davison.

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    Mein lieber Schwan: Die Classic Buskers und die Philharmoniker beim Faschingskonzert. Foto: 
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    Timo de Leo. Foto: 
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Das Publikum holt auf: So viele Kostümierte waren noch nie beim WPR-Faschingskonzert zu sehen. Sie boten dem Orchester Paroli, das als kunterbunter Mummenschanz aufspielte. Dieses zeigte sich in lockerer Spiellaune, dirigiert von Darrell Davison, der wie die Classic Buskers aus Cambridge kommt, als deren Arrangeur für nahtlose Spurwechsel sorgte und sich für keinen Ulk zu schade war.

Hier würde niemand den Musikern Mängel an Präzision oder künstlerischem Ernst vorwerfen, zumal sie Rahmen und Untermalung für die Gäste lieferten. Mit der "Carneval"-Ouvertüre von Dvorák setzten sie einen fulminanten Auftakt, schwelgten in Tschaikowski-Ballettmusik und lockten in Rimski-Korsakows "Capriccio espagnol" mit betörenden Soli (herrlich: die Harfe) in südliche Gefilde. Da schunkelten die Fagotte beim Fandango! Musikalische Maskerade boten sie im zweiten Teil mit opulent orchestrierten schottischen Tänzen von Malcolm Arnold sowie Tango, Charleston und Blues aus Mátyás Seibers Jazztanz-Suite. Die WPR als edle Jazzband - es fehlte nur noch ein Tanzpaar oder Stepptänzer.

Im Mittelpunkt standen natürlich die Classic Buskers, genauer: der Flötist Michael Copley und der vielseitige Organist Ian Moore. Letzterer ist von jeher zur Rolle des verzweifelten Begleiters mit dem kleinen Akkordeon verdammt, der in Hassliebe und sichtbar angewidert das Treiben des Kollegen verfolgt. Der führt auf dem Sopranino-Flötlein tirilierend die Virtuosität in nie gehörte Exzesse - hie und da wird er aus der Kurve getragen, doch das gehört zum Spiel.

Die Spezialität der Buskers sind nach wie vor überraschende Wechsel mitten im Stück, die nahtlose Verknüpfung von Melodien, die eigentlich gar nicht zusammen gehören: von Vivaldi in Nullkommanix zum Seemannstanz, von da zu Bach und zurück, von Haydn zum Monti-Csárdás, wieder zum Seemannstanz, zu Brahms und zurück, von Copland zu Sousa und wieder zu Monti, während der Dirigent überm Orchester das Lasso schwingt.

Mit dem Programm "In 80 3/4 Minuten um die Welt" nutzten sie Klassik-Hits und Klischees für skurrile Neufassungen. In Griegs "Morgenstimmung" zwitschern Vögel nach Herzenslust, in der "Halle des Bergkönigs" sind unirdische Laute zu vernehmen, Chopins "Minutenwalzer" wird im Zeitraffer heruntergenudelt, vom Kollegen Moore an einer Riesen-Stoppuhr kontrolliert. Tierisch wird's auch bei der Schlangenbeschwörung, bei der Moore ein bisschen nachhilft.

Was stärker ausgebaut wurde, ist das Spiel auf Instrumenten, die keine sind, frei nach Loriot: Was wäre, wenn ein Trompeter in eine Geige bliese? Die beiden blasen in wirklich in alles hinein, einschließlich Violine. In diverse Flöten, Melodica und Digitalhorn, Gartenschlauch und Kindertröten, einen Plüsch-Schwan mit Blasrohr, holländische Holzschuhe (Okarinas?), eine Teekanne und mehr. Schade nur, dass man nicht alle Details erkennt. So schnell kann man gar nicht gucken, wie Copley und Moore die Klanggeräte wechseln.

Auf den Helm-Hörnern wird jedoch nicht getutet, die zieren nur die Walküren, die ihren Ritt und Wagners Ring in 2 1/2 Minuten herunterjodeln - "Hojotoho!" - , bevor ein italienischer Sängerwettstreit (Moore wird der Bühne verwiesen) und ein wilder, mittels Baguette dirigierter Cancan den Abend beschließen, gefolgt von Zugabe und frenetischem Applaus.

Weitere Termine mit der Philharmonie

· Montag, 23. Februar, 20 Uhr, Stadthalle Reutlingen: Fünftes Sinfoniekonzert mit Werken von Kodály, Bruch, Schubert und Janácek; Timo de Leo (Violine), Ola Rudner (Leitung)

· Sonntag, 8. März, 11 Uhr, WPR-Studio: Matinee Schubertiade mit einem WPR-Quintett

· Sonntag, 8. März, 17 Uhr, Stadthalle Reutlingen: Carmina burana von Carl Orff mit capella vocalis und Ensemble Paulinum Worms, Christian Bonath (Leitung)

· Donnerstag, 12. März, 20 Uhr, Stadthalle Reutlingen: Werkkonzert mit The King's Singers

· Sonntag, 15. März, 16 Uhr, Landestheater Tübingen (LTT): Familienkonzert mit Rossini und anderen Eisenbahnstücken

SWP

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