Mit Gypsy-Brass und High-Speed-Folklore

Irrwitziges Getröte unter freiem Himmel: Zum Auftakt des Jubiläum-Open-Airs vor dem franz.K feierten rund 750 Fans zu den Balkanbrass-Klängen der Gruppen Rasga Rasga und Fanfare Ciocarlia.

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Sie können kaum Noten lesen und geben ihre Kunst vom Vater zum Sohn weiter: In Rumänien verkörpert die Tradition der Roma-Festmusik derzeit niemand besser als die Fanfare Ciocarlia, die Könige des Gypsy-Brass und der High-Speed-Folklore.

Jahrelang hatte die elfköpfige Bigband aus einem kleinen Dorf nah der moldawischen Grenze auf Festen und Hochzeiten der Umgebung gespielt. Der ehemalige Diktator Ceausescu hörte solch wilde Klänge jedoch nicht gerne, er zog süßliche Folklore mit Streicherbegleitung vor. Nach seinem Sturz drangen die Lerchen-Fanfaren in alle Ecken der Welt: Tokio, Berlin, New York, Toronto - überall ist die rasante Kapelle schon aufgetreten.

Am Freitag eröffneten sie bei angenehmen Temperaturen das Open-Air-Wochenende mit einer hochmusikalischen Darbietung. Vorwiegend gab es präzises Sturmgebläse im Balkan-Stil und in halsbrecherischer Geschwindigkeit zu hören, von vier Tubaspielern getragen und von vier Trompetern und einem Saxofonisten in Szene gesetzt. Zusammengehalten wird dieser furiose Mix von einem kleinen Mann mit einer großen Trommel, zu dem sich später noch ein Perkussionist gesellt.

Ständig werden das Tempo variiert und Stimmungen gewechselt. So kommen besonders gegen Ende des Konzerts verschiedenste Einflüsse zur Geltung: orientalischer Pop, Filmmusik, Türkisches, Balkanbrass, Spanisches, Latin - erlaubt ist fast alles, Hauptsache das Publikum hat seinen Spaß und wird zum Tanzen und Feiern animiert. So präsentieren sich die rot gekleideten Männer mit Lungen wie Heißluftballons als Band, die sich um keine Kategorien zu kümmern braucht, weil sie vor allem eines sind - auf ihre Weise begnadete Musiker, die die ganze Bandbreite von New Orleans über Paris, Detroit bis tief in den Balkan abdecken.

Weit mehr als das vorgelegte Tempo beeindruckt die stupende Musikalität dieser rumänischen Teufelskapelle. Souverän werden Elemente aus Pop, Jazz und Gypsy-Swing unter die in den Musikerfamilien weitergegebenen Sirbas, Horas und Doinas gemischt. So kann man das "Lerchen-Orchester" auf zweifache Art erleben: als Bewahrer einer Tradition, aber eben auch als experimentelle Crossover-Kapelle. Die Besucher auf dem atmosphärischen Freiluft-Gelände vor dem franz.K danken es ihnen mit großer Ausgelassenheit. Es wird getanzt, gesprungen, gelacht, geschrieen.

Nicht umsonst ist überliefert, dass Zugabe das erste Wort gewesen sein soll, das die Fanfare Ciocarlia auf Deutsch lernten. Und tatsächlich: Je enthusiastischer sich die Leute vor der Bühne geben, desto schneller, kantiger und treibender werden die dort oben.

Der Mix aus diversen musikalischen Elementen und Kulturen, welche die Roma auf ihrem Weg nach Europa adaptierten und das spielerische Temperament der Musiker machen diesen Auftritt so faszinierend. Und am Ende, da fühlt man sich tatsächlich ein wenig auf eine Hochzeit in jenes kleine Dorf hinter den Bergen versetzt.

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