Mit einem Überfall wollte er die Reisekasse aufbessern

Zu Tode gekommen ist niemand, doch Todesangst empfand so mancher, der es mit den beiden 26 und 34 Jahre alten Angeklagten zu tun bekam.

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Den Blick in ein von Gewalt geprägtes Milieu erlaubt seit gestern ein Prozess am Landgericht. Die zweite Große Strafkammer unter Vorsitz von Richter Martin Streicher verhandelt gegen einen 34- und einen 26-Jährigen, beide in Untersuchungshaft. Sie hatten sich einst in Rottenburg in der Strafhaft kennengelernt. Der Ältere, ein Kasache, lebte seit 1999 im Hohbuch, wurde aber als Drogendealer verurteilt und 2012 abgeschoben.

Ende Februar 2013 reiste er illegal im Auto mit Bekannten wieder ein, weil er seinen hier lebenden Sohn und dessen Mutter sehen wollte. Das Familientreffen stand aber unter keinem guten Stern, weshalb er nach Kasachstan zurück wollte, wo er noch einen kleinen Sohn mit seiner Lebensgefährtin hat. Doch für das Flugticket fehlten ihm die Mittel und er besann sich seines Knastkumpels, der im Reutlinger Nordraum mit seiner Freundin und deren Kindern lebt.

Der 26-jährige Auslandsdeutsche kennt sich in der Szene aus und schlug vor, einen nicht nur ihm und der Justiz bekannten Drogendealer heimzusuchen. Weil der junge Reutlinger dort nicht gesehen werden wollte, zog er sich einen medizinischen Mundschutz über, um sein Gesicht unkenntlich zu machen. Mit zwei Kumpels, die über ein Auto verfügten, fuhr man auf den Steinenberg ans frühere Schwesternwohnheim. Der Kasache schlug wortlos zu, als ein Freund des Mieters auf sein Klingeln die Wohnungstür öffnete. Der Tourist aus Bosnien fiel nach hinten, wurde von den beiden Angeklagten mit Füßen getreten und überwältigt. Mit einem dort gefundenen Küchenmesser wurde das Opfer bedroht, geschlagen und seiner kargen Barschaft beraubt.

Blutend und mit Klebeband gefesselt, verriet der Mann, dass der Bruder des Mieters nach der Schicht nachts heimkomme. Den Ahnungslosen empfing der Kasache, es kam zu einer Keilerei, die der hart zuschlagende 34-Jährige gewann. "Ich hab ihn geschlagen ins Gesicht, aber ist nicht geplatzt", erzählte der weitgehend Geständige. Doch auch das neue Opfer hatte nur 15 Euro im Geldbeutel. Ebenfalls unter massiven Gewaltandrohungen und Schlägen schlug er vor, am Bankautomaten Geld abzuheben. Der Kasache und sein Opfer fuhren mit den im Auto wartenden Kumpels zur nahen KSK-Filiale Ringelbachstraße, wo der vermeintliche Drogendealer sein Konto mit rund 130 Euro abräumte. Zurück in der Wohnung, hatte der jüngere Angeklagte den Gast derweil in die Dusche gesetzt.

Auch der zweite Mann wurde mit herausgerissenen Elektrokabeln gefesselt und die Wohnung durchsucht. Die Angeklagten nahmen in einem Rucksack eine Playstation und ein Handy mit. Von der Beute bekamen die Kumpels des Kasachen hundert Euro, der jüngere Angeklagte 50 Euro, dem 34-Jährigen blieb nur ein kleiner Rest Bares, die Playstation und das Handy. Ein Bruder des Opfers, der die Gefesselten fand, erstattete Anzeige. Sein verletzter Bruder musste in der Augenklinik behandelt werden.

Zweiter großer Tatkomplex ist der Umgang des jungen Angeklagten mit seiner Lebensgefährtin, seiner Schwester und deren (Ex-)Freund. Den 26-Jährigen schätzt seine Freundin heute als extrem gewalttätig ein, berichtete ein Reutlinger Kripo-Ermittler. Selbst der Kasache sagte, dass der Jüngere hin und wieder "schon ein bissle explodiert" sei. Vor den vielfältigen und meist handfest endenden Auseinandersetzungen war die junge Frau zwischendurch ins Frauenhaus geflohen. Über die Vorwürfe bis hin zur besonders schweren Vergewaltigung wundert sich der 26-Jährige hingegen: "Wir streiten uns sehr oft, aber dann haben wir wieder Versöhnungssex, das hört sich komisch an", räumte er ungerührt ein. Der auf weitere vier Tage veranschlagte Prozess wird nun mit Zeugenvernehmungen fortgesetzt.

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