Mit 66 Jahren, da fängt die Kunst erst an

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„Ins Licht gerückt“: Zum Jubiläum der Gedok rücken bei der Jahresausstellung nun zwölf Künstlerinnen ihre Arbeiten ins Licht des Spitalhofsaals. „Nicht Modell und inaktive Musen/ nicht Bauch und Bein/ oder nur Busen/ aktiv im Licht und wohlbenannt/ dank Gedok hier auch wohlbekannt“: Annette Koppenburg bringt es poetisch auf den Punkt, um was es den Frauen der Gedok bundesweit seit 90 Jahren, und seit 65 Jahren auch in Reutlingen geht. Frauen wollen nicht nur Objekt der Malerbegierde, Motiv und Muse sein. Und nicht nur als Nackte ins Museum kommen, sondern vor allem als Künstlerinnen wahrgenommen werden.

Anders als zu Gründungszeiten der Künstlerinnengemeinschaft Gedok haben sie zwar längst Zugang zu Akademie und Ausbildung, aber immer noch sind sie in den bekannteren und besser bezahlten Kunstsphären des Marktes und in den Entscheidungsgremien unterrepräsentiert. Agnete Bauer-Ratzel, Vorsitzende der Reutlinger Gedok, wünscht sich deshalb einmal mehr bessere Bedingungen auch auf lokaler Ebene, zum Beispiel in Form eines Künstlerhauses, und dass die „Gute Stube“ der jährlichen Gedok-Ausstellungen, der Spitalhofsaal, mal wieder ein wenig aufgehübscht wird.

Das Motto der diesjährigen Ausstellung, die eine Jury zusammengestellt hat, lautet vieldeutig „Ins Licht gerückt“. Die Kunsthistorikerin und Mit-Jurorin Barbara Krämer machte in ihrer Einführung Hoffnung auf die Zukunft – frei nach Udo Jürgens: „Mit 66 Jahren, da fängt das Gedok-Leben, da fängt die Kunst erst an.“

Recht lebendig geht’s bekanntlich auch im „Lautertal“ zu. Hinterglasmalerin Sigrid Lokowandt hat die pralle Natur der Alb-Landschaft hinter Glas gebracht: ein üppiger, überbordender Dschungel in allen Grünschattierungen.

Dem Wasser ist auch die Trilogie von Uta Albeck gewidmet, als Symbol und Grundstoff des Lebens. Sie zeigt das Wasser in verschiedenen Zuständen: Flüssig und gesalzen zeigt es sich als ein Meer mit Horizont, als „Erfrischendes Nass“ in purem Blau.

Das gefrorene Wasser zieht sich im zweiten Bild zu eisblauen, sperrigen, geometrischen Formen zusammen. Und als Regen nach langer Dürrezeit prasselt es auf die ausgetrocknete Erde in Weiß-Gelb-Rot.Die Farbe Rot ist es auch, die Petra Blum-Jelinek in den Fokus nimmt, mit einer abstrakten Collage, „als Ausdruck für Kraft, Energie, Emotionen“ und Lebendigkeit.

Die 93-jährige Doris Knapp widmet sich mit ihren Aquarellen ebenfalls der Farbe Rot, und lässt sie kräftig leuchten. Ihre Bilder sollen „positiv in den Tag begleiten“. Sie hat dafür „mit Aquarellfarben auf handgeschöpftem Papier“ gearbeitet, „das fürs Aquarell eigentlich nicht vorgesehen ist“ – eine „Herausforderung“.

Margret Berger dagegen hat die Farbe Grün im Blick. In ihrem titellosen Bild trifft ein grüner Lichtkegel auf so etwas wie dunkle Wasser. Ihr geht es ums Licht, das „für Freude, Wärme, Energie“ steht, Emotionen kreiert und die Farben erst sichtbar und existent macht. Mit wenig Farbe arbeitet Birgit Hartstein in ihrem „Räderwerk“ (Acryl, Mischtechnik auf Holz) in eher gedeckten, „leicht melancholischen Grautönen“. Es macht deutlich, wie wir von vielen Faktoren fremdbestimmt werden, aber vor allem von der Zeit: Maschinen und Räder pressen uns zusammen.

Jacqueline Wanner wiederum geht zurück an den Ursprung der Zeit, an die Entstehung von Sein, ins „Ursprüngliche“ (Acryl, Lack, Tusche). Man stellt sich vor, der Urknall hat gerade stattgefunden, eine schmale, rote Lebensader zieht sich durchs Bild: Vielleicht geht es ja auch darum, „Lebensräume in unwirklicher Umgebung zu finden“, wie Krämer vermutet.„No way out?“ heißt es für die Flüchtlinge, die auf ihren wackligen Schlauchbooten im Mittelmeer unterwegs sind: Inge Rau widmet ihnen eine von hinten angeleuchtete Stahlplatte, in die die Begriffe „No Exit“, „Freedom“ und „SOS“ eingeritzt sind – in Morsezeichen.

Bei Barbara Thom-Kollross steht das Menschliche im Vordergrund, in ihrem großformatigen Mobile finden „21 Begegnungen“ statt: Kontakte mit und unter den Menschen, die das Leben ausmachen. Wichtig ist dabei, ein Gleichgewicht herzustellen zwischen den Berührungen mit der Haut (Pergament) und den Beziehungen über Sprache (die Ritzungen in den Mobile-Elementen).

Tanja Niederfeld widmet sich in ihrer dreiteiligen Installation dem „Raumgefühl“: eine etwas brave, unbeschwerte „Gertrud“ fügt sich dabei musterhaft auf einen riesengroßes Tellerbild mit blauweißem Zwiebelmuster ein, das sich außerdem im Schrank daneben wiederfindet, der ähnlich ausgemustert wurde wie der Teller, der sich außerdem noch in einem Daumenkino abspielt.

„Trage T-Shirts, so lange du noch kannst“, mahnt Sarah Knöller an, mit ihrer  dreidimensionalen Zeichnung mit Goldringen in einem Bilder-Buch: Carpe Diem, will uns diese Arbeit sagen, während Heidi Degenhardts filigran gearbeitete Porzellanzylinder an die Schriftstellerin Elisabeth Gerdts-Rupp erinnern, und andere „Licht-Gestalten“ ins Licht rücken.

Geöffnet bis 4. Dezember, täglich von 11 bis 18 Uhr

Begleitprogramm:
⬛ 27. November 15 Uhr: Sonderführung durch das Spendhaus (Alice Haarburger) und die Gedok-Ausstellung durch Joana Pape. Beginn im Spendhaus.
⬛ 4. Dezember, 17 Uhr: Finissage, Vortrag Joana Pape: „Auf dem Weg zur Professionalisierung – die Bedeutung der Künstlerinnenvereine im 20. Jahrhundert“.
⬛ Außerdem filmische Künstlerinnen-Porträts im Kamino am 30. November und 4. Dezember.

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