Missbrauchsprozess geht weiter

Im Missbrauchsprozess gegen einen 45-jährigen Reutlinger hörte das Landgericht zahlreiche Opfer. Zu ihrem Schutz jedoch hinter verschlossenen Türen.

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Über 40 Mädchen aus ganz Baden-Württemberg erschienen in den vergangenen Prozesstagen vor der 3. Großen Jugendschutzkammer am Landgericht unter Ausschluss der Öffentlichkeit. Sie alle hatten per Whatsapp eindeutige Post durch einen 45-jährigen Mann bekommen. Er soll in einem sozialen Netzwerk gezielt minderjährige Mädchen angeschrieben haben, um die Gespräche, teils unter falscher Identität, auf sexuelle Interessen zu lenken und ihnen ungefragt Nacktbilder zu senden. Teilweise soll er die Mädchen zwischen 13 und 16 Jahren erfolgreich zu Treffen überredet haben, indem er ihnen Sach- und Geldgeschenke in Aussicht stellte. Nun muss er sich unter anderem wegen schweren sexuellen Missbrauchs eines Kindes und der Vergewaltigung dreier Jugendlicher verantworten.

Bislang äußerte sich der Angeklagte nicht zur Sache. So war es an der Kammer, um die  Vorsitzende Richterin Diana Scherzinger, jeden einzelnen Fall mit der Anhörung der betroffenen Zeuginnen zu prüfen. Geladen waren auch Ermittler, die seit Januar 2015 auf der Spur des Mannes waren, in seiner Wohnung kinder- und jugendpornographisches Material fanden und ihn zwei Mal verhörten. Zwar habe er zugegeben, Nacktbilder verschickt zu haben, aber ein schlechtes Gewissen sei nicht auszumachen gewesen, so die Ermittler. Die Mädchen hätten ja jederzeit den Kontakt abbrechen können, habe er argumentiert. Ihn wegen eines verschickten Nacktbilds anzuzeigen, wie es ein Mädchen aus Heilbronn getan hat, sei regelrecht „unfair“. Jene Anzeige, gefundene Chatverläufe und Adressen aus einem Navigationsgerät nährten den Verdacht, es sei auch zu Treffen mit jungen Mädchen gekommen.

Danach befragt, offenbarten sich die betroffenen Mädchen nur zögerlich, sie schilderten gegenüber den Beamten eindeutige und massive Handlungen sexueller Natur, zu denen er sie am Waldrand, in einem Hotel oder im Auto genötigt habe.

Die Gefahr, in einem sozialen Netzwerk in die Hände eines Nutzers mit gefälschtem Profil zu geraten, schätzt ein Experte des Landeskriminalamts als recht hoch ein. Zwar beteuert die betroffene Plattform, dass es seit 2011 Erwachsenen nicht mehr möglich sei, Minderjährige zu kontaktieren. Jedes der täglich hundertfach hinzukommenden Profile zu überprüfen, sei nicht machbar. Als er sich bei verdeckten Ermittlungen selbst als Kind ausgab, erlebte der Kripobeamte einschlägige Kontaktversuche. Weit über Zweidrittel der Anfragen seien sexueller Natur gewesen. Er verglich es mit einem Bad in einem See voller Piranhas.

Nach seinen bisherigen Angaben, leidet der Angeklagte an einer depressiven Erkrankung. Kriminalbeamte beschrieben ihn jedoch übereinstimmend eher als aufbrausend und belehrend. Vor diesem Hintergrund wird das psychiatrische Gutachten zum Angeklagten an Gewicht erlangen. Dr. Peter Winckler wird es zur Fortsetzung des Prozesses, übernächste Woche, mit der Einschätzung der Schuldfähigkeit des Angeklagten schließen.

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