Miles-Davis-Saxofonist Sonny Fortune verzückt Jazzfans

Mehrere Jahre mit Miles Davis auf Tour und dennoch kein Star: US-Saxer Sonny Fortune und sein Quintett waren erstmals Gast bei Tobias Festls Jazzreihe und ließen ihrer Improvisationslust freien Lauf.

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Sonny Fortune und seine vier Mitmusiker waren Gast in Tobias Festls "World of Basses". Foto: Jürgen Spieß

Hier fußt alles in einem Jazz traditioneller Auffassung. Die Ausflüge in die Bebop-Ära entwickeln sich nahtlos, und die Soli sprengen nicht vorgegebene Muster, sondern spielen virtuos mit ihnen. Sonny Fortune und seine vier Mitmusiker legten zwischen Auftritten in Amsterdam und Graz einen Zwischenstopp in Reutlingen ein.

Zwei Sets lang lauscht das Publikum den Interpretationen, die sich meist auf den Jazz der 60er und 70er Jahre beziehen und in deren Mittelpunkt die beiden dunkelhäutigen Bläser stehen. Wenig eigene Stücke, dafür umso mehr Jazzstandards fügen sich zu einer Abfolge aus individuellen Solobeiträgen und spritzigem Zusammenspiel. Der Erfahrungsreichtum von Bandleader Fortune und die Anpassungsfähigkeit seiner Mitspieler Michael Varekamp (Trompete), Jon Davis (Piano), Joris Teepe (Bass) und dem Schweizer Ex-Art-Farmer-Drummer Joris Dudli schaffen ein ausgewogenes Klangbild - mit wenigen kleinen Schwächen.

Da es sich bei der Band nicht um ein festes Quintett handelt, sondern mehr um einen Zusammenschluss gestandener Jazzer, die ansonsten ihre eigenen Projekte verfolgen, dominiert an diesem Abend von Beginn an der Session-Charakter. Es geht den Musikern vor allem darum, dass das Ganze intensiv pulsiert und vor Kraft strotzt.

Während der 74-jährige Sonny Fortune mit seinen klaren, teilweise auch überblasenen Saxofonsoli Standards wie "Milestones", "In the mood", "So What" oder "Footprints" möglichst werkgetreu interpretiert, sind Pianist Jon Davis und Trompeter Michael Varekamp dafür zuständig, Brücken zwischen den bekannten Zitaten und der freien Improvisation zu schlagen. Sicher bewegt sich das Quintett in der Jazztradition mit Zitaten von Miles Davis über Wayne Shorter bis zu Billie Holiday. Zuweilen finden sich die Fünf zu etwas ruhigerer Klangmalerei zusammen, um gleich darauf wieder mit kräftigem Gebläse, grollenden Bass-Saiten und schepperndem Schlagwerk mehr aus sich herauszugehen. Es ist authentischer Jazz, der seine Ursprünge im Bop und Hardbop hat, aber nichts von dem verachtet, was direkt danach im Jazz geschehen ist.

Eine der Tugenden dieser Musik und ihr vielleicht wichtigstes Stilmittel ist die Improvisation. Sie kommt nicht unbedingt revolutionär daher, ist aber frappierend komplex und gut gespielt. In den besten Momenten erinnert das tatsächlich an die alten Aufnahmen des Miles Davis Quintets. Dann kann sogar ein leises Lächeln über das sonst sehr ernste Gesicht des Bandleaders huschen. In der Regel gelingt es den Musikern, die Grenzen zwischen Improvisation und Melodik aufzulösen, doch sich an Unerhörtem zu reiben, ist ihre Sache nicht. So fehlt dem gut zweistündigen Konzert in manchen Passagen die Würze.

Dennoch: Der betagte und von der anstrengenden Tournee (21 Konzerte in drei Wochen) sichtlich ausgepowerte Sonny Fortune zeigt vor allem nach der Pause, weshalb ihn Jazzgrößen wie McCoy Tyner, Rabih Abou-Khalil, George Benson und nicht zuletzt Miles Davis als Sideman engagiert haben. Für eine Zugabe reichen die Kräfte dann aber doch nicht mehr.

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