MEIN DYLAN-MOMENT (3) Damals und heute – „Like a Rolling Stone“!

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Bob Dylan hat 1965 „Like a Rolling Stone“ geschrieben, und man kann sich angesichts seiner Mitte der 1980er Jahre begonnenen „Never Ending World Tour“ gut vorstellen, dass er seitdem selber zu einem „Rolling Stone“ geworden ist, zu einem rastlosen „Herumtreiber“ auf den Bühnen der Welt.

Mein Dylan-Moment: zum Ersten

Wer oder was hat mich im Jahre 1964 im zarten Alter von 14 im beschaulichen Heidenheim am Rande der Ostalb dazu gebracht, mir von meinen Eltern eine Gitarre – und kein Schifferklavier – zu wünschen? Nun, da kam außer den Beatles nur einer in Frage: Bob Dylan. Und seither begleitet er mich auf verschiedenste Weisen durch mein Leben. Die beiden Songs „Blowin’ in the Wind“ und „The Times They Are A-Changing“ hauten mich damals einfach um, ich wusste genau: Da ist einer, der etwas Großes hat, dessen Songs dazu da sind, die Welt zu verändern. Und es dauerte daher nicht lange, da konnte ich „Blowin’ in the Wind“ an den Lagerfeuerplätzen der Baggerseen zwischen Heidenheim und Ulm spielen.

Mein Dylan-Moment: zum Zweiten

Als Bob Dylan während seiner ersten Englandtour 1966 plötzlich die akustische Gitarre für eine elektrische eintauschte (er wurde von seinen damaligen „Jüngern“ als „Judas“ und „Verräter“ beschimpft), da hat mir das sehr imponiert, denn ich hatte mir inzwischen auch ein elektrisches Teil zugelegt, mit dem man sehr viel mehr Krach machen konnte. Und dass er, je lauter die „Judas“-Rufe wurden, zu seiner Band sagte „Play fucking loud“, fand ich geradezu genial!

Mein Dylan-Moment: zum Dritten

Dann 1966, der erste Schock: Dylan soll einen Motorradunfall gehabt haben. Der zweite Schock: Er war (zumindest in Heidenheim) wie vom Erdboden verschluckt. Und dann spielten sie plötzlich 1969 im Radio „Lay Lady Lay“, und wir dachten alle: Was ist denn DAS? Das soll Dylan sein?! Seine Stimme, sonst krächzig und nölig, klang auf einmal tief und sonorig. Das war der dritte Schock – doch wir erholten uns davon! Und er auch.

Mein Dylan-Moment: zum Vierten

Mittlerweile – im „reifen Alter“ – ist Bob Dylan fester Bestandteil zweier meiner diversen musikalischen Formationen geworden: zum einen bei „Acoustic Storm“, wo ich im Rahmen unserer Musikreihe „Storm Legends“ ein komplettes Konzert nur Bob Dylan spiele; zum anderen begegnet mir Dylan immer wieder in meinem abendfüllenden „Live Lyrics & Live Music“-Programm mit dem Krimiautor Veit Müller und Mary Jane. Müller trägt dabei die deutschen Übersetzungen von 18 Dylan-Songs vor, die ich danach mit Mary Jane spiele. Also Dylan auf deutsch und englisch.

Mein Dylan-Moment: zum Fünften

Natürlich sah ich den „Meister“ auch live, unter anderem 1994 beim SWF3 Open Air in Balingen und 2011 im Volkspark in Mainz. Der Unterschied: In Balingen konnte man die Songs verstehen, in Mainz – und er war supergut drauf! – hatte er seine Songs meist dermaßen zur Unkenntlichkeit zerstückelt und zerhackt und noch verstümmelter wieder zusammen gesetzt, dass sich die Leute im Publikum bei seiner Zugabe verstört anschauten und fragten: Ist das ein komplett neuer Song? Statt dessen war es eben nur besagtes „Blowin’ in the Wind“.

Jedoch: die echten „Dylanos“ oder „Dylanologen“ gehen ja gerade deshalb immer wieder zum „Meister“, um zu hören, wie er diesen oder jenen Song ein weiteres Mal verbiegen und zerhacken wird und dazu röchelt und krächzt, nur um zu zeigen: Ich kann’s noch besser!

Mein Dylan-Moment: zum Sechsten

Ich hatte die große Ehre, am Dienstag, 24. Mai 2011, zu seinem 70. Geburtstag im Tübinger Sudhaus ein so genanntes „Bob-Fest“ zu organisieren und auch durch den Abend zu führen. Der Name „Bob-Fest“ stammt übrigens von Neil Young! Im voll besetzten Sudhaus-Saal zeigte ich Dokumentarisches mit Filmeinspielungen, es gab aber auch Anekdoten und Humoriges zu Dylan von „Special Guests“, und natürlich eine Menge Dylan-Songs mit meinen diversen musikalischen Mitstreitern.

Mein Dylan-Moment: zum Siebten

Der Heidenheimer Reinhold Mack, ein Jugendfreund, war mit seinem Münchner „Musicland Studio“ in den 1980er Jahren und später eine Größe in Deutschland. Er hat nicht nur fünf Alben mit Queen, den Rolling Stones und so weiter dort aufgenommen und teilweise produziert, sondern auch mit Jeff Lynne vom „Electric Light Orchestra“. Jeff Lynne wiederum gründete mit George Harrison, Tom Petty, Roy Orbison und Bob Dylan 1988 die Supergruppe „Traveling Wilburys“. Alle fünf waren gute Freunde von Roger McGuinn, dem Sänger und Kopf der Gruppe „The Byrds“, die mit dem Dylan-Song „Mr. Tambourine Man“ einen Welthit hatten. Nun, es ergab sich, dass ich im Jahr 2011 meinen alten Freund Mack, der inzwischen nach Los Angeles ausgewandert war, in seinem von Tom Petty erworbenen Haus besuchte. Er bot mir an: „Möchtest du nicht auf dieser zwölfsaitigen Rickenbacker dort im Eck mal spielen?“ Natürlich wollte ich, denn es war, wie er mir erläuterte, genau die Gitarre, mit der Roger McGuinn Dylans „Mr. Tambourine Man“ im Studio aufgenommen und die er von ihm geschenkt bekommen hatte.

Mein Dylan-Moment: zum Achten

Ich komme im Jahr 2015 an. April. Ich befinde mich mitten auf dem Atlantik von Barbados nach Mallorca auf dem Luxuskreuzer „Mein Schiff 1“. Die Leute auf dem Schiff sehen, dass ich eine Gitarre dabei habe, und weil sie den gebuchten Bands nicht mehr viel abgewinnen können, ergibt es sich, dass ich plötzlich mit meiner Holzklampfe, so spartanisch wie Dylan 1964, in der TUI-Bar vor 400 Leuten spiele. Und die Leute gehen ab. Und was spiele ich dort: natürlich „Like a Rolling Stone“, was sonst?JÜRGEN STURM

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