Maulfaulheit als gestaltendes Prinzip

Gehobener Schwachsinn mit Tiefgang: Am Wochenende starteten in der Volksbank die 39. Reutlinger Mundart-Wochen mit zwei ausverkauften Abenden und dem schwäbischen Duo Ernst und Heinrich.

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"Gottes schönste Gabe ist der Schwabe": Ernst Mantel und Heiner Reiff führten zum Auftakt der 39. Mundart-Wochen in die Tiefe der schwäbischen Seele ein. Foto: Jürgen Spieß

. "Schwäbisch isch gsond", und "Gottes schönste Gabe ist der Schwabe": Diese Ansicht vertreten Ernst Mantel und Heiner Reiff seit 15 Jahren auf der Bühne und ernten dafür - vor allem im Ländle - breite Zustimmung. In ihrem Jubiläumsprogramm "Donderblitz und Haidanai" gestatten die beiden Mundart-Anarchisten wieder tiefe Einblicke in die wundersame Welt des schwäbischen Dialekts und philosophieren musikalisch und szenisch über das Faszinosum des Schwaben an sich.

Dass Schwaben ihre Eigenheiten haben, ist ja allgemein bekannt. Sie sind direkt geradeaus, oft ein bisschen pedantisch, ein bisschen verstockt und nicht selten auch ein wenig zu ernst. Solche Vorurteile können selbstverständlich nur aus dem Mund von Nicht-Schwaben kommen, das ist klar. Denn wie sollten die auch verstehen, wie man hier so tickt. Das Duo Ernst und Heinrich hingegen kennt die Mentalität seiner Landsleute nur zu gut. Sie wissen, dass der Schwabe nicht nur lacht, "wenn er ein Zehnerle auf der Straße liegen sieht" - er kann auch über sich selbst lachen.

Das demonstrieren die beiden an diesem Abend vor allem mit ihren Liedern, treffen aber auch mit Sketchen, Parodien und Videoeinspielungen den richtigen, schwäbischen Ton. Denn hinter den waghalsigen, zum Teil nicht einfach zu verstehenden Zungenbrechern der beiden Komödianten schlummert eine bemerkenswerte Beobachtungsgabe. Von obskur Alltäglichem bis zu den Absonderlichkeiten des schwäbischen Lebensgefühls werden Eigenheiten in parodistischer Manier ans Tageslicht gezerrt und ein Blick "in den Blautopf der schwäbischen Seele" geworfen. Da geht es um die Maulfaulheit des Schwaben, der eine Konversation auch schon mal mit nur sechs Wörtern gestalten kann. Oder es steht der einheimische "Meckerkult" im Blickpunkt, ein für nicht Einheimische partout nicht nachvollziehbares Gespür dafür, aus jeder Lebenslage zielsicher den sauren Apfel herauszupicken.

Das eingespielte Duo schaut dem Volk in breitestem Schwäbisch aufs Maul und bringt seine Geschichten durchaus selbstironisch und mit typisch schwäbischer Bescheidenheit auf die Bühne. Im zweistündigen Programm wird deutlich, dass kein anderer deutscher Volksstamm eine so ausgeprägte Selbstironie entwickelt wie die Schwaben. Ob durch übertreibende Ausdrücke ("Schwätz koin Bepp an mi noh") oder durch schlaffe Artikulierung ("Schnäpples-City"): Stets ist die Maulfaulheit das gestaltende Prinzip des Schwäbischen. Dazu spielen Ernst und Heinrich ihre Protagonisten meist mit bruddeliger Stimme und (beim schwäbischen Kompaktseminar) mit jener Spur von Distanz, die jede vordergründige Identifikation vermeidet.

Doch auch der musikalische Aspekt kommt an diesem Abend nicht zu kurz: Die Sketche werden von gesungenen Liedern unterbrochen, die mal von der Liebe des Schwaben für Baumärkte handeln, mal davon, dass der Einheimische nichts wegwerfen kann, mal von der paradiesischen Vorstellung, wie schön es doch wäre, wenn McDonalds einen McLeberkäs im Angebot hätte. Ernst und Heinrich geben sich mal als durchgeknalltes RapperDuo, mal als "Blüsle-Verschnitt, die einfach nicht den Blues kriegen, mal als veritable Multiinstrumentalisten, die die E-Gitarre und die Mandoline ebenso bedienen können wie einen dreisaitigen Kehrwisch oder die singende Hawaii-Gitarre. Gelegentlich spielen sie internationale Tanzstücke wie das türkische "Dür dsu avi", das chinesische "Noh mee Haii" oder auch schwäbische Fehlinterpretationen wie "Frisch an Zwerg" ("Frisch ans Werk"), locker herunter gespielt und häufig an Biermösl Blosn, nur auf Schwäbisch, erinnernd.

Dass man vieles durch das Schwäbische einfacher und auch direkter ausdrücken kann, das haben Ernst und Heinrich mit ihrem Jubiläumsprogramm mal wieder eindeutig bewiesen. So haben sich bei der Eröffnung der 39. Reutlinger Mundart-Wochen auch allenfalls ständig ernst zu nehmende Menschen gelangweilt.

39. Mundart-Wochen
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