Malerei mit Worten

Rafik Schami liest nicht, er erzählt. Dieses Mal machte der beliebte Geschichtenerzähler und Völkerverständiger im kleinen Saal der Stadthalle einen erzählerischen Ausflug nach Damaskus, wo er aufgewachsen ist.

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Begnadeter Geschichtenerzähler: Rafik Schami machte mit seinen Gästen einen Ausflug nach Damaskus.  Foto: 

Man kann keine heiteren Geschichten aus Damaskus erzählen, ohne auf den aktuellen Krieg in Syrien einzugehen, der sich, so Rafik Schami mittlerweile zu einem "Bandenkrieg mit Killern" aus aller Welt entwickelt habe, die für einen islamischen Staat kämpfen. "Das ist nicht das Ende, das ist der Anfang", prognostiziert der Autor, der nach seiner Flucht Anfang der 1970er Jahre sein Geburtsland nie wieder besuchen konnte.

Was in Syrien derzeit zerstört werde, lasse sich wohl jahrzehntelang nicht wiedergutmachen: Vor allem die Zerstörungen "in den Köpfen der Leute", etwa, wenn ganze Dörfer gegeneinander kämpfen. Und nicht zuletzt werden sehr viele kulturelle Schätze kaputt gemacht, wie der jahrhundertealte Markt von Aleppo. Rafik Schami kämpft gegen seine Wut, Verbitterung und seine Tränen, indem er konkrete "kontrollierbare" Projekte mit Kindern unterstützt. Allgemeine Spenden landeten ja doch nur "in den Händen der Verbrecher" des Regimes.

Dann aber gehts erzählerisch nach Damaskus, wo Rafik Shami 1946 geboren worden ist. Eine Stadt, die mit sieben Toren versehen sei, in der Hoffnung, dadurch nie erobert zu werden - was aber in den vergangenen Jahrtausenden nicht ganz hingehauen hat: 37 Eroberungen hat es in der Geschichte gegeben, und jeder der Eroberer habe in Damaskus etwas "vergessen", so Schami: architektonisch, sprachlich, kulturell.

Aber Schami wäre kein orientalischer Fabulierer, wenn er bei seinen Geschichten nicht jede Menge Haken schlagen würde. Und so gibt es, bevor er überhaupt durchs erste Tor schreitet, eine Einführung in die arabische Kultur und Mentalität. "Hinterher wissen Sie besser Bescheid als die Berater von Merkel und Obama", verspricht er seinem begeistert lauschendem Publikum. Wer die arabische Kultur verstehen wolle, müsse wissen: Das arabische Volk komme aus der Wüste, und "die Wüste hat uns geformt". Für Touristen sei die Wüste interessant und schön, man könne die Stille hören, das besondere Licht und die Farben bestaunen. Aber sonst sei die Wüste höchst lebensfeindlich.

Um zu überleben, brauche man die Sippe: Die halte zusammen, jeder hilft jedem. In der Sippe gibt es nur eine Führung und keine Opposition, denn Meinungsverschiedenheiten gefährden den Zusammenhalt und damit das Überleben. Wenn die Führung weise sei, floriere die Sippe, wenn sie ungeeignet sei, gehe sie zugrunde. Wer Opposition macht, betreibt Verrat, und "bei Verrat hört der Verstand auf". Zur Sippe gehöre auch, dass man "zum Bruder hält", egal, ob er Recht hat oder Mist gebaut hat, was ein allgemeines Rechtssystem natürlich unterlaufen müsse.

Europäische Einflüsse wie die Ideen von Freiheit, Demokratie und Individualismus bringen das Sippen-System gewaltig durcheinander. Kein Wunder also, dass es überall knirscht und kracht. Allerdings hätten sich Freiheit, Demokratie und Individualismus auch in Europa noch nicht so lange durchgesetzt, und auch die Araber lebten zum großen Teil schon längst nicht mehr in der Wüste. Deshalb stellt sich die Frage, ob man das alles so einfach miteinander vergleichen kann. Aber Schami vergleicht trotzdem ganz gern, vor allem in kulturphilosophischer Hinsicht, schließlich ist er in beiden Kulturen heimisch. Und so weiß er auch, warum es in der arabischen Kultur keine Bildende-Kunst-Tradition gibt: Nicht der Islam habe das verboten, sondern: In der Wüste gäbe es eben nichts zu malen und nichts abzubilden, außer die verschiedenen sandigen Farbtöne. Für Europa mit seinen abwechslungsreichen Landschaften und Farben gelte hingegen: "Ist das Auge beschäftigt, bleibt der Mund klein", während die Araber die "Malerei mit Worten" entwickelt hättenn. So sei die große Erzähltradition entstanden.

Und dann geht Rafik Schami doch noch durchs Tor und erzählt seine Stadtgeschichten und seine Jugendgeschichten, vom jesuitischen Internat, von theologischen Spitzfindigkeiten und von den gewieften Händlern, die die große lange Hauptstraße, die noch von Alexander dem Großen angelegt worden war, nach und nach für sich vereinnahmt haben. Und am Ende gibt es wieder den Exkurs zum vielleicht größten Mythos der deutschen Kultur: dem Nudelsalat.

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