Mal ruhig, mal dynamisch

Wiederhören macht Freude: Das sagten sich die Veranstalter vom Tübinger Sudhaus und luden zum wiederholten Mal den Pianisten Rainer Tempel ein, der sein neuestes Projekt "Pentagon" vorstellte.

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"Schön, dass so viele gekommen sind." Allenfalls sarkastisch konnte die Bemerkung von Rainer Tempel gemeint gewesen sein, denn wie üblich bei seinem jährlichen Sudhaus-Konzert ist die Hütte voll, und dem Jazzpreisträger schlägt ungeteilte Begeisterung entgegen. Kein Wunder, zelebriert er doch zusammen mit Claus Stötter (Trompete), Sebastian Gille (Tenorsaxofon), Arne Huber (Kontrabass) und Dejan Terzic (Drums) ein Programm voller Gegensätze, mal ruhig, dann wieder überaus dynamisch.

Der Komponist, Arrangeur, Dirigent und Pianist hat schon mit vielen unterschiedlichen Formationen im Sudhaus gespielt, vom Trio über das Sextett bis zur vielköpfigen Bigband. Doch dieses klassische Quintett scheint es ihm besonderes angetan zu haben. Bei seiner wie üblich launigen Moderation wird er nicht müde, die Vorzüge dieses kleinen Orchesters zu preisen, mit dem er hier zum ersten Mal auftritt. Und tatsächlich: Selbst bei Stücken, von denen ihm Kollegen abrieten, weil sie recht schwierig live umsetzbar sind, verzagen seine Mitmusiker nicht. Auffällig sind vor allem die geschmeidigen, melodiösen Jazzlinien, die sich durch das gesamte Programm ziehen. Ein Vergnügen sind auch die Lust am Experimentieren und die virtuosen Einwürfe seiner beiden langjährigen Kollegen Claus Stötter und Arne Huber. Damit wäre fast alles gesagt über das Projekt "Pentagon", doch eine weitere Kleinigkeit wird für Tempel zu einer großen Wichtigkeit: Die Art und Weise, wie seine vier Mitspieler die für größere Orchester arrangierten Kompositionen umsetzen, sprengt das übliche Maß bei weitem, und der überwiegend in Zürich und Stuttgart arbeitende Tempel ist ein Komponist, der das weidlich ausnutzt.

Er lässt den Kollegen genügend Freiraum, um sich zu profilieren, und er sorgt - je nach musikalischem Thema - für einen Klangreichtum, wie man ihn bei einem Quintett sonst kaum zu hören bekommt. Doch es sind nicht nur die Klangmalereien, sondern auch außergewöhnliche Harmonien, die dieses Konzert zu einem besonderen machen.

Dass dabei manchmal der Swing etwas auf der Strecke bleibt, gerät an diesem Abend zur Nebensache. Denn dies scheint nur so. Der Swing pausiert zwar im Rhythmus, doch er lebt zugleich weiter in den Schwingungen der Instrumente, häufig mit Interferenzen, die mal gewollt sind, mal nicht gesteuert, sondern zwangsläufig. Und plötzlich taucht der Swing ganz unvermittelt wieder auf im rhythmischen Geflecht, das wesentlich gewebt wird vom aktuellen Echo-Jazz-Träger Dejan Terzic, der in den Kompositionen all seine luftige Leichtigkeit ausspielen kann, nur um dann, auch dies ganz locker aus dem Handgelenk, einen enorm wuchtigen Beat dazwischen zu schieben.

Was bei den meisten anderen in Beliebigkeit enden würde, das gerät bei Rainer Tempel zu einem unverkennbaren Personalstil. Der Schlüssel dazu heißt Sparsamkeit. Zugunsten einer kontemplativen Intensität nimmt Tempel sich radikal zurück. Hauchzart streichelt er die Tasten, kreist fast zärtlich um seine Themen. Selbst wenn die Melodik üppiger wird, deutet der Tübinger die Linien nur an. Seine vier Mitspieler besorgen den Rest. So endet das Konzert, wie es begonnen hat: mit viel Zuspruch und einer ungeteilten Begeisterung.

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