Lügengeschichten kompensieren Minderwertigkeitsgefühl

Voll schuldfähig hält der Gutachter den 24-Jährigen, der als Leiter einer Pfadfindergruppe Buben zwischen 12 und 14 Jahren über Jahre missbrauchte.

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Der forensische Psychiater Stephan Bork erkennt nach Gesprächen mit dem 24-jährigen Angeklagten keine Hinweise auf eine andauernde, psychiatrische Erkrankungen und attestiert ihm volle Einsichts- und Steuerungsfähigkeit. Auffälligkeiten sieht er gleichwohl in seiner sexuellen Orientierung und in seinem Interesse an jungen Männern - wohl auch, weil seine Bedürfnisse durch das andere Geschlecht bis dahin gänzlich unbeantwortet geblieben sind. Den vom Angeklagten geförderten sexuellen Umtrieben im Rahmen der wöchentlichen Pfadfindertreffen zupass gekommen sei das Alters- und Machtgefälle, das er als Gruppenleiter gegenüber seinen Schützlingen inne hatte. "Ihm fiel die Kontaktaufnahme leichter als zu Gleichaltrigen", erläuterte Bork.

Nach ersten, sexuellen Kontakten mit den Buben habe sich so sein spezifisches Interesse weiter aufgebaut, entstanden sei ein sich gegenseitig verstärkender Kreislauf. Aber Bork stellt auch fest: "Die situative Einflussnahme war größer als die bewusste Steuerung." Er habe die sexuelle Neugier und die besondere Empfänglichkeit der Jungen dem Thema gegenüber zwar genutzt, aber nicht gezielt große Widerstände überwunden: "In dieser Situation ist er nicht. Noch nicht." Für ihn der Markstein, um seinen Hang einschätzen zu können, künftig ähnliche Taten zu begehen. Die Wahrscheinlichkeit der Wiederholung schätzt Bork deshalb als "eher gering" ein.

Gleichwohl hält der Sachverständige eine ambulante psychotherapeutische Behandlung von mindestens einem Jahr für geboten. Einerseits, um seine überdauernden, sexuellen Präferenzen auszuloten, aber auch, um seine Unsicherheiten in den Griff zu bekommen. Zwar zeige sich der Angeklagte eloquent und überlegt, "experimentell" sei aber seine Lebenspraxis. Unsicherheiten, die Bork nicht "im luftleeren Raum" verortet, sondern als Reaktion auf die rigide Lebenswelt erklärt, in der er aufgewachsen ist.

Die Diskrepanz zwischen eigenem Erleben und dem vorangestellten Wertekanon in Einklang zu bringen, das sieht Bork als ebenso notwendig an, wie sein Minderwertigkeitsgefühl anzugehen. Bislang habe er es durch "kompensatorische Lügengeschichten" aufzufüllen versucht und, wie berichtet, gegenüber seinen Schützlingen immer wieder von Kontakten zu Geheimdiensten oder zu den Hells Angels geprahlt - um Eindruck zu schinden, wie er erklärte.

Eine Welt, die eine ganz andere ist als die, in der er aufwuchs: Tief verwurzelt im Umfeld des Christlichen Zentrums. Wie seine Familie engagierte er sich dort in vielfältiger Weise. Er leitete einen Hauskreis, predigte und führte zuletzt die Pfadfindergruppe. Nach dem Abitur beginnt er ein Theologiestudium und bricht es wegen fehlender Sprachkenntnisse wieder ab. Auch seinen Plan, Pastor zu werden, muss er fallen lassen. Wegen mangelnder Reife versagen ihm die Kirchenoberen die notwendige Empfehlung.

Was danach kommen sollte? "Kein Plan." Auch seine Kindheit verläuft wenig bilderbuchhaft. Sein Vater ist tablettenabhängig und prügelt die Kinder. Im Jahr 2002 nimmt er sich das Leben. Bis heute sind Familienmitglieder des 24-Jährigen in der Freikirche aktiv. Sie vertritt streng konservative Werte - insbesondere auch, was Sex außerhalb der Ehe betrifft.

Ein Jahr bevor alles aufflog, vertraute sich der 24-Jährige dennoch - ohne sich selbst zu belasten - einem Vikar des Christlichen Zentrums an, "weil ich erwartet habe, dass eingegriffen wird". Doch weil sein Hilferuf verpuffte, blieb er unbehelligt. Als "insuffizienten Hilfsappell" bezeichnete Bork den damaligen Versuch, sich selbst das Handwerk zu legen.

Die Plädoyers hört die Kammer des Tübinger Landgerichts morgen.

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