Liebe, Unmut, Fremdheitsgefühle

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„Ich ringe mit Hermann Kurz“, habe sie am Telefon noch gesagt, als man ihr zur Vorbereitung auf diesen Literaturabend den „Sonnenwirt“ zugeschickt hat. Der sei dann aber wirklich eine „Entdeckung“ gewesen: Anna Katharina Hahn ist also seit neuestem auch Kurz-Fan. Dass Hermann Kurz literaturhistorisch unterschätzt ist, das liegt aber weniger an der unattraktiven Verortung seiner Stoffe, sondern vielmehr an der „Verkitschung“ durch seine Tochter Isolde, das hat ja schon Peter Härtling postuliert. Isolde habe ihren Vater „zum Biedermann zurechtfrisiert“, aber in seinen Romanen stecke jede Menge zeitkritisches „Pulver“.

„Regionale“ Literatur bewegt sich eben immer auf dem breiten Grat zwischen Folklore und Kritik, zwischen Verklärung und Nestbeschmutzung, zwischen Romantisierung und Heimathass. Hermann Kurz hat sich seinerzeit für den Realismus entschieden, und da kommen sich Kurz und Hahn jetzt näher. Auch sie werfe einen „liebevollen Blick auf die Ausstattung von Wirklichkeit“, findet zumindest der Literatur-Experte Tilman Krause.

Die Stadtbibliothek hat zum 200. Geburtstag von Hermann Kurz drei zeitgenössische „Heimatdichter“ eingeladen, um mit ihnen über die Verortung von Literatur zu diskutieren. Die dritte und letzte der Reihe war nun Anna Katharina Hahn, die 2009 mit „Kürzere Tage“ 2009 einen Überraschungserfolg gelandet hat und auch ihren neuen Roman „Am Schwarzen Berg“ in Stuttgart spielen lässt. In einer literaturhistorisch eher verschmähten Stadt, außer Hermann Lenz sei da nicht viel gewesen, und im Vergleich zu den „literarisch verklärten“ Metropolen Berlin oder Paris gelte Stuttgart als „terra incognita“, so Hahn. Mit diesem „Tabu“ wolle sie brechen, aber natürlich „jenseits von Brezeltango und Mautaschenkrimi“.

Literatur aus Schwaben wird auf den ersten Blick nicht ganz so euphorisch aufgenommen: „Man kann uns einfach nicht so leiden“, glaubt Hahn. Exemplarisch dafür sei ein Satz eines taz-Kritikers zum „Schwarzen Berg“: „Ich gebe zu, dass ich dieses Buch eigentlich doof finden wollte.“ Literaturkritiker Tilman Krause von der „Welt“ jedenfalls meint, Anna Katharina Hahn spreche mit einer ganz „eigenen literarischen Stimme“. Und so ist „Am Schwarzen Berg“ eine Mischung aus Stuttgart-, Bildungsbürger-, Depressions- und Literaturroman, aber laut Hahn vor allem eines: ein „Liebesroman“. Der startet mit einer „alltäglichen Tragödie“: Der gescheiterte Peter zieht mit seinen 40 Jahren wieder zu seinen Eltern: Freundin weg, Job weg, Depression.

Anfangs ist die Stuttgart-Bindung des Stoffes allerdings eher noch unemotional. Die wertfreien Beschreibungen der Straßen, Gebäude und architektonischen Besonderheiten lesen sich so neutral wie ein Google-Street-View-Fährtle. Aber da kommt noch einiges in Fahrt, auch zwischenmenschlich. Eine gewisse „Akribie“ und Genauigkeit in den Beschreibungen diagnostiziert auch Krause. Ob das exakte Nachzeichnen denn nun aus dem Hass oder aus der Liebe zu Stuttgart resultiere, fragt er die Autorin. Man könne sich ja die „Heimat“ erst einmal nicht aussuchen.

Auch sie habe Stuttgart „fluchtartig verlassen“, lange in Hamburg und Berlin gelebt. Als „Wirtschaftsflüchtling“ kam sie dann zurück. So sei ihre Stuttgart-Heimat eher wie ein „trockenes, hartes Brot: Man muss es sehr lange kauen, bis es süß wird“. Sie hat sich die Stadt dann lange „erlaufen“ und „erlesen“. Deshalb spielt auch die regionale (Wort-)Kunst im Buch eine zentrale Rolle. Mörike und Lenz fabulieren eifrig mit. Literarisch wolle sie die Region weder verkitschen, noch beschimpfen a la Thomas Bernhard. Ihre Heimatgefühle sind ambivalent: „Liebe, Unmut, Fremdheitsgefühle“. Andererseits: Der Ort einer Geschichte sei zwar wichtig, viel wichtiger aber seien ihr die Figuren und die Gegenwart.

Hier offenbart sich Hahns „Schrecken des Sehens“. So entfalten sich im Buch menschliche Dramen, aber weil die bildungsbürgerlichen Figuren in der Kunst auch Trost finden, gehen hier eben „Schrecken und Schönes Hand in Hand“ – ganz das Prinzip Heimat also.

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