Liebe begann in der Kohlengrube

Seit 65 Jahren sind sie ein Paar: Die eiserne Hochzeit feiern Maria und Leo Gass eher im kleinen Kreis und lassen sich überraschen, wer von den vier Kindern, acht Enkeln und acht Urenkeln vorbei schaut.

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Ihren spitzen Humor hat die rüstige Maria Gass auch mit 87 Jahren noch nicht verloren. "Meinungsverschiedenheiten gehören in einer Ehe einfach dazu", meint sie mit einem Augenzwinkern zu ihrem 91-jährigen Ehemann Leo, "solange ich recht gehabt habe, war das nie ein Problem - und ich hatte immer recht."

Die beiden vor 26 Jahren nach Reutlingen ausgewanderten Eheleute haben ein bewegtes Leben hinter sich. Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges wurde Leo Gass als Wolgadeutscher aus der Sowjetunion vertrieben, seine Frau Maria stammte ursprünglich aus Odessa in der Ukraine. Kennengelernt haben sie sich mit Anfang 20 in ihrer neuen Heimat Kasachstan, wo beide unter Tage in einer Kohlengrube arbeiteten. Von 1948 bis 1989 lebten Maria und ihr Ehemann in der seit 1936 eigenständigen Unionsrepublik innerhalb der Sowjetunion, bis sie 1989 von Marias Bruder nach Deutschland eingeladen wurden.

Auch ihre vier Kinder, die alle in Kasachstan aufgewachsen sind und inzwischen volljährig waren, kamen mit nach Reutlingen, um hier ein neues Leben zu beginnen. Während sich die zwei Töchter und zwei Söhne schnell hier einlebten, war es vor allem für den Vater zunächst nicht so einfach: "Er hatte schwer damit zu kämpfen, dass er bereits im Rentenalter war und keine Aufgabe mehr hatte", erzählt seine Ehefrau, die sich um den Haushalt und ihr liebstes Hobby Gartenarbeit kümmerte. Die ersten beiden Jahre verbrachte das Paar in Lichtenstein, 1991 zogen sie dann in das kleine Reihenhaus nach Orschel-Hagen um. "Wir fühlen uns hier sehr wohl", berichtet die 87-Jährige, "unsere vier Kinder leben nicht weit weg und sie haben es alle zu etwas gebracht", ergänzt sie stolz.

So etwas wie Heimweh kennen die beiden Eheleute nicht. Weder Leo Gass, der 29 Jahre im Steinkohlenbergbau hart gearbeitet hat, noch seine Frau haben Sehnsucht nach Kasachstan. Selbst zu Besuch kehrten Maria und Leo Gass nie mehr in ihre alte Heimat zurück. Obwohl ihr Ehemann inzwischen kaum noch etwas hört und dement ist, sind sie auf Betreuung nicht angewiesen und kommen noch alleine klar. Den Haushalt meistert die trotz eines im vergangenen Jahr erlittenen Schlaganfalls sehr rüstige Frau noch ganz alleine, nur die Großeinkäufe erledigen abwechselnd die Kinder.

Zum Fest erhielten die Jubilare schriftliche Glückwünsche vom Ministerpräsidenten, für die Stadt Reutlingen schaute Finanzbürgermeister Alexander Kreher vorbei und überreichte dem Paar einen Blumenstrauß und Grüße von der Oberbürgermeisterin. Bleibt die Frage nach dem Rezept, um so lange mit dem selben Partner verheiratet zu sein: "Nicht gleich weglaufen, wenn es Probleme gibt", rät Maria Gass, "und die Koffer im Schrank lassen."

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