Lebenskrisen bewältigen

Rund 40 Prozent der Menschen, die einen Suizid begehen, sind über 60 Jahre. Aber, so heißt es beim Reutlinger AKL auch: "Bei Jugendlichen ist die Versuchsrate hoch." Grund genug, um Prävention zu betreiben.

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Bettina Guhlmann (links) und Kerstin Herr sind die beiden Fachkräfte beim AKL, die auch in Schulen gehen und dort über Suizid aufklären.  Foto: 

38 Menschen zwischen 16 und 86 Jahren haben im vergangenen Jahr im Landkreis Reutlingen keinen anderen Ausweg mehr gesehen, als den eigenen Tod herbeizuführen. Darunter waren 31 Männer und sieben Frauen. "Das Verhältnis zwischen weiblichen und männlichen Suizidtoten spiegelt sich auch bundesweit wieder", betont Kerstin Herr als hauptamtliche Fachkraft beim Arbeitskreis Leben. In der gesamten Republik waren es mehr als 10 000 Suizide, darunter fast 7500 Männer. "Und der Anteil der Männer steigt immer mehr an", betont die Diplom-Pädagogin.

Woran das liegen könnte? "Männer haben offensichtlich immer noch größere Schwierigkeiten, sich Hilfe zu holen", sagt Bettina Guhlmann, die als zweite Hauptamtliche beim Reutlinger Arbeitskreis Leben (AKL) in der Beratungsstelle rund zwei Drittel weibliche und ein Drittel männliche Ratsuchende registriert. Dabei warten die Fachkräfte aber nicht allein auf die Anrufe von Klienten: Weil die Zahl der jugendlichen Suizidversuche sehr hoch sei, gehen die Diplom-Pädagoginnen schon seit Jahren auch in Schulen. "Jugendalter ist auch Krisenzeit, bei vielen jungen Menschen tauchen Suizidgedanken auf", betont Kerstin Herr. Vor allem über das Fach Religion kommen die Beraterinnen mit Schülern ab der Klasse neun ins Gespräch.

"Fragen wie: Was wäre denn, wenn ich nicht da wäre oder wo ist mein Sinn im Leben, das beschäftigt Jugendliche immer wieder", so Guhlmann. In den Doppelstunden an Schulen informieren die AKL-Frauen die Schüler, "wir wollen sie fit und ihnen Mut machen, über sich und eventuelle Probleme zu reden". Das müsse ja nicht gleich bei einer Beratungsstelle sein, bei der sie sich Hilfe holen - "eine wichtige Rolle spielen da Gleichalterige", so Kerstin Herr.

Gründe für Suizidgedanken bei Jugendlichen? Probleme in der Familie, in der Schule, bei Liebeskummer, Elterntrennung und häufig sei das Gefühl, als Außenseiter dazustehen, ein Grund für den allerletzten ultimativen Ausweg.

Wichtig sei "für die Peergroup hinzuschauen, wenn Freunde sagen, dass sie nicht mehr leben wollen oder dass ihnen alles über den Kopf wächst, denn: Darüber sprechen, kann Leben retten", wollen laut Herr die AKL-Mitarbeiterinnen den Jugendlichen vermitteln. Ebenso wie das Bewusstsein, dass Krisen zum Leben dazugehören. Neu ist nun ein Programm, das der AKL in Kooperation mit dem Regierungspräsidium Tübingen anbietet: "Schulen können uns buchen, wir informieren dann nicht nur die Jugendlichen, sondern machen auch Elternabende und Workshops für Lehrer, damit die sich sicherer fühlen können beim Thema Suizidprävention", so Guhlmann.

Wichtiger Bestandteil der Arbeit des AK Leben in Reutlingen sei aber auch die Krisenbegleitung, wenn Menschen anrufen, nicht mehr ein, noch aus wissen, "wenn sie merken, ich komme da nicht mehr raus", betont die Diplom-Pädagogin. "Dabei müssen die Ratsuchenden nicht zwangsläufig suizidale Gedanken haben", so Bettina Guhlmann. Der Vorteil beim AKL: Er kann "zeitnah, niedrigschwellig und unbürokratisch Termine bieten". Die Erstgespräche übernehmen die hauptamtlichen Fachkräfte, "wobei wir versuchen, herauszufinden, ob anderweitige Hilfe vonnöten ist, von Ärzten etwa, ob wir Hauptamtliche uns weiter um die Menschen kümmern oder ob unsere 54 ausgebildeten ehrenamtlichen Krisenbegleiter übernehmen".

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