Leben in einer Parallelwelt

"Höchste Zeit, der zu werden, der ich bin" - beim Tonne-Monologfestival kam "Ben X" auf die Bühne: Jonas Vietzke spielt einen jungen Autisten auf der Suche nach sich selbst. Eine bedrückende Opfergeschichte.

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"Ben X" (Jonas Vietzke) abgespaced: Der Autist metamorphiert in dem Monospektakel von Nic Balthazar zum Raumfahrer in seiner virtuellen Welt.  Foto: 

Ben ist ein Asperger-Autist fast wie aus dem Lehrbuch: Er braucht seinen ritualisierten Alltagsablauf und feste Regeln, kann die Emotionen und Mehrdeutigkeiten seiner Mitmenschen nicht so richtig erkennen und ist dennoch ein wenig hochbegabt. Sein Vater wollte, dass er auf eine "normale" Schule geht, seine Mutter ist überaus fürsorglich, kann aber auch nicht verhindern, dass Ben von zwei Mitschülern gemobbt wird. Sie zwingen ihn, die Hosen runter zu lassen, die Bilder kursieren später im Internet.

Ziemlich anstrengend sei es, meint im Stück ein Experte, sich als autistischer Junge durch den Alltag zu kämpfen, weil man ständig versuchen müsse, einen "normalen" Jungen zu spielen. Und so flüchtet sich "Ben X" in die heile Welt der Online-Spiele: hier braucht er kein Gesicht zu zeigen, hier kann er Heldentaten vollbringen und hier wird er so akzeptiert, wie er sich gibt.

Bei den Avataren hat er sogar eine Gefährtin, Scarlite, die mit ihm durch Himmel und Hölle geht. Eines Tages will sie ihn allerdings ganz real besuchen. Die Begegnung scheitert, weil er es nicht schafft, am Bahnhof Kontakt zu ihr aufzunehmen.

Danach switcht das Stück zwischen Realität und Phantasiewelt ziemlich hin und her und nach noch mehr Mobbereien entschließt sich Ben zu einem ultimativen "Endgame". Er inszeniert seinen Selbstmord, um alle andern zu düpieren.

Am Ende metamorphiert er sich in eine Existenz als Weltraumfahrer, vielleicht, weil Scarlite ihn dazu auffordert, doch endlich zu dem zu werden, der er eigentlich ist, was immer das auch heißen mag.

Der belgische Journalist Nic Balthazar hat sich für Roman und Theaterstück von einem realen Fall inspirieren lassen und den Stoff 2007 auch selbst verfilmt. 2014 gab's in Hannover die deutschsprachige Erstaufführung des Theaterstücks, das sich offenbar vor allem an Jugendliche richtet, so lehrbuchhaft, wie sich das Stück anfangs ins Thema einarbeitet: Autismus für Anfänger.

Der Ich-Erzähler äußert sich ganz autistisch in kurzen, klaren Sätzen, jede Ironie und andere Redensart wird klassisch missverstanden. Die Botschaft des Stücks: Nicht nur Autisten können die Nichtautisten nicht so richtig verstehen, auch andersrum wird's schwierig. Und so dauert es ein wenig, bis die Handlung in Fahrt kommt, die Inszenierung von Karin Drechsel wiederum geht gleich in die Vollen und sorgt beim etwas eindimensionalen Stück für jede Menge Abwechslung: Die Bühne (Markus Knoblich) besteht aus einer großen Leinwand und kleineren weißen Kästen, die als Projektionsfläche dienen, wenn Jonas Vietzke als Ben mal wieder in die Welt seiner Avataren abtaucht oder die Stimmen der komplizierten Realwelt überhand nehmen.

Jonas Vietzke selbst spielt nicht nur den dauergestressten Ben, sondern auch dessen filmische Mutter, den Vater oder Lehrer. Draußen herrscht krass stressige Außenwelt mit viel zu vielen Menschen, Krach, Verkehrslärm, die Inszenierung schafft optisch und akustisch die totale Reizüberflutung samt diversen Schockeffekten: Selbsterfahrung für die Zuschauer.

Emotional zurücklehnen kann sich Ben nur als Ben X in seiner Spielwelt, die auf der Leinwand mit bombastischen Kinobildern und kräftiger Musik, kämpfenden Phantasiegebilden und der schönen Mitstreiterin Scarlite erzeugt wird.

Jonas Vietzke spielt seinen Ben als geduckten, ängstlichen und hochneurotischen Klemmi, der zwanghaft zuerst seine fünf Reißverschlüsse zuziehen muss, bevor er sich den nächsten Schritten widmen kann. Und er zeigt die volle Verletzlichkeit und Verzweiflung, mit der er als Ben die Gemeinheiten seiner Mitschüler ertragen muss. Irgendwann sitzt er zitternd und schweißgebadet im Publikum.

Aber wie so oft in aufklärerischen, didaktischen und gefühlsbetonten Jugendstücken wird die Figur dann doch ziemlich eindimensional als Opfer gezeigt, das nicht nur gemobbt, sondern auch noch brutalst zusammengeschlagen wird. Oder ist es hier das Opfer selbst, das sich in seiner Phantasie an seinen Peinigern rächt? Irgendwann hat man vor lauter Figurenwechsel dann doch ein wenig den Überblick verloren.

Das weitere Programm beim Festival "Monospektakel"

Nächste Termine Das Festival Monospektakel geht noch bis Sonntag. Die weiteren Termine:

· Samstag, 31. Januar, 20 Uhr, Planie 22: "Nirvana sehen", Gastspiel aus Hamburg, Doppelmonolog von Meyer & Kowski;

· Sonntag, 1. Februar, 18 Uhr, Spitalhof: Vorpremiere "Es ist nie genug - sterben - begleiten - zurückbleiben", ein Theater- und Chanson-Programm von und mit Petra Afonin. Am Klavier: Susanne Hinkelbein (Musik).

SWP

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