Leben im Dschungel

Hannes Nedele trommelt sich im Stuttgarter Musical "Tarzan" wie ein Gorilla mit den Fäusten auf die Brust. Wir begleiteten den jungen Darsteller aus Wannweil hinter die Kulissen des Dschungel-Musicals.

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Beim Casting hat sich Hannes Nedele gegen rund 30 Mitbewerber durchgesetzt. Oder waren es 50? So genau weiß das der Zwölfjährige nicht. Er erinnert sich aber noch genau an seinen ersten Auftritt im April 2014, als er erstmals auf der großen Bühne stand und Stuttgarter Broadway-Luft schnupperte.

Dass der Siebtklässler Klavierunterricht nimmt, in der Theater-AG des Listgymnasiums spielt und im Schulchor gesungen hat, kam ihm beim Casting zugute: "Ich habe mich schon immer für Musicals interessiert", antwortet Hannes auf die Frage, ob er nicht lieber mit Freunden auf dem Bolzplatz Fußball spielen würde. Bereits mit drei Jahren durfte er zum ersten Mal zu einem Musical mit, und als er über das Internet vom Kinder-Casting für "Tarzan" erfuhr, war für ihn klar: "Da will ich hin!" Tatsächlich setzte er sich vor den Augen einer fünfköpfigen Jury durch und steht seit 26. April durchschnittlich einmal die Woche auf der Bühne des Apollo Theaters - als einer von zwölf aktuellen Kinder-Darstellern.

Aufgeregt war er nur vor den ersten vier Shows. Inzwischen kennt er die Abläufe, weiß genau, wann welche Einsätze kommen und kennt seine Mitspieler: "Ich konzentriere mich auf das, was ich mache, dass da mehr als 1700 Besucher im Theater sitzen, merke ich gar nicht." Außerdem hat er ein gutes Betreuerteam, das ihn vor jedem Auftritt perfekt für die Show vorbereitet.

Gut anderthalb Stunden bevor es losgeht, zieht er seine Freizeitklamotten aus, steigt in einen Frotteemantel und begibt sich in die Obhut von Wencke Elfers, die ihn bereits im "Kinderzimmer" erwartet. Sie ist Leiterin der Kinderabteilung und kümmert sich um die jungen Tarzan-Darsteller. Sie sorgt dafür, dass die Acht- bis Zwölfjährigen rechtzeitig in die Maske und zum Einsingen kommen, dass in den Pausen genug gegessen und getrunken wird und die gesetzlichen Arbeitsschutzauflagen eingehalten werden.

Danach darf Hannes maximal 30 Vorstellungen im Jahr spielen und muss bis spätestens 23 Uhr aus dem Haus sein. Selbst die Schulnoten der kleinen Tarzane werden regelmäßig von der Kinderabteilung kontrolliert - schließlich geht die Schule stets vor.

Was die Schulnoten angeht, haben Hannes die straffen Zeitabläufe während der Proben eher gut getan. Seine Hausaufgaben mache er, seit er ein zweites Leben als Tarzan führt, gezielter als früher: "Die ganze Woche läuft nun strukturierter ab", pflichtet seine Mutter Martina Nedele bei, die den Jungen fast immer zu den Aufführungen, den wöchentlichen Proben und Akrobatik-Trainings begleitet. Auch an diesem Dienstag ist sie dabei und wartet, bis ihr Sohn seinen Auftritt absolviert hat. Doch nun beginnen erstmal die Vorbereitungen.

Zuerst nimmt Hannes in der Maske vor dem Spiegel Platz, und zwei Maskenbildnerinnen machen sich an seinen Haaren zu schaffen. Sie werden zu kleinen Kringeln gedreht und am Kopf festgesteckt, damit die Perücke hält. Dazu musste Hannes extra seine Haare wachsen lassen, "was ich schade fand, aber in Kauf nahm".

Nach einem kurzen Zwischenstopp im Kinderzimmer geht es in die Aufwärmhalle. Auf dem Boden, der den Maßen der Bühne entspricht, wird zur Musik der "Affengang" geübt. Gemeinsam mit Wencke Elfers und einer weiteren Trainerin springt und hüpft er durch den Saal und kontrolliert im großen Wandspiegel seine Bewegungen. Danach heißt es Einsingen mit Partner Caserta, der auf der Bühne seinen besten Affenfreund Terk spielt. Zur Klavierbegleitung des musikalischen Leiters Bernd Steixner intonieren die beiden in verschiedenen Tonlagen und üben später noch jeder für sich allein eigene Liedpassagen. Die nächste Station ist die "Schmodder-Box". Hier bekommen Arme, Beine, Bauch und Rücken einen Anstrich mit löslicher Farbe und einer Art Kleber, damit die Braun- und Grüntöne auf der Bühne nicht weggeschwitzt werden. Dann noch schnell zum Abpudern, ein kurzer Mikro-Check und den Flugsicherungs-Gurt unter den Lendenschutz angelegt.

Der Countdown läuft. Noch fünf Minuten bis zum Auftritt. Ein letzter Schluck Wasser (ohne Kohlensäure) und der abschließende Check, ob Kostüm, Perücke und Gurt richtig sitzen. Mit Blitz und Donnerschlag beginnt die Show. Es ist der 3. August 1888. Kurz vor Afrika sinkt ein Schiff...

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