Land der weiten Horizonte

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  • Ein gebackener Willkommensgruß "Herzlich willkommen" in türkischer Lautierung gab es zur Überraschung der Reutlinger Reisegruppe der Deutsch-Italienischen Gesellschaft an der kilikischen Pforte auf dem Weg an die Südküste. 1/3
    Ein gebackener Willkommensgruß "Herzlich willkommen" in türkischer Lautierung gab es zur Überraschung der Reutlinger Reisegruppe der Deutsch-Italienischen Gesellschaft an der kilikischen Pforte auf dem Weg an die Südküste.
  • Das Herz von Urfa, der Stadt mit dem Ehrentitel "sanli" (ruhmreich), bildet das überaus gepflegte grüne Moscheenviertel um die Geburtsgrotte des Erzvaters Abraham mit den heiligen Teichen. Fotos: Privat 2/3
    Das Herz von Urfa, der Stadt mit dem Ehrentitel "sanli" (ruhmreich), bildet das überaus gepflegte grüne Moscheenviertel um die Geburtsgrotte des Erzvaters Abraham mit den heiligen Teichen. Fotos: Privat
  • Höhepunkt der Reise war der Nemrut Dagi mit seinen Kolossalstatuen vor dem Tumulusgrab von Antiochos I. 3/3
    Höhepunkt der Reise war der Nemrut Dagi mit seinen Kolossalstatuen vor dem Tumulusgrab von Antiochos I.
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Weite Horizonte, in vielfacher Hinsicht, räumlich und in übertragener Hinsicht betrachtet: Zunächst waren für die Teilnehmer der Türkei-Studienreise der Deutsch-Italienischen Gesellschaft (DIG) zwei Teilstrecken im Flieger nötig, von Stuttgart über Istanbul in den Südosten des Landes nach Kayseri, dessen antike Mauern und Tore umgehend erkundet werden konnten, heißt es in einer Mitteilung der DIG.

Die Stadt liegt weit ausgedehnt da, dieses ehemalige römische Caesarea mit seiner byzantinischen Festung aus Kaiser Justinians Zeiten, Bischofsstadt und für tausend Jahre ein Zentrum der griechisch-orthodoxen Kirche. Heute eine geschäftige anatolische Metropole, umgeben von fast 4000 Metern hohem Gebirge mit den zwei erloschenen Vulkanen Erciyas und Hasan Dagi, deren vulkanische Ablagerungen, Steine und Aschen ursächlich für das Entstehen der heutigen Märchenlandschaft Kappadokien sind, ausgeformt durch die Erosion in geologischen Zeiträumen.

Die Weite dieser Landschaft konnte die DIG-Gruppe auf einer Ballonfahrt zum Sonnenaufgang überblicken, für die nähere Erkundung der Täler, Höhlenkirchen mit Fresken, einer unterirdischen Stadt, von kleinen Dörfern mit Wohnungen in durchlöcherten Felsen und die unzähligen formenreichen Felstürme aus Tuffstein nahm sich die Gruppe mehrere Tage Zeit.

Auf der Fahrt in den Süden durch den mächtigen Gebirgszug des Taurus in die fruchtbare Ebene von Kilikien nach Tarsus, dem Geburtsort des Apostels Paulus, erlebten die Reisenden Gastfreundlichkeit in überraschender Form an der Engstelle der kilikischen Pforte bei der noch heute intakten römischen Steinbrücke, wo sich Straße, Fluss und Eisenbahn in der Schlucht sehr nahe kommen. Noch während der erholsamen Rast unter alten Platanen schuf der Koch des Hauses einen essbaren Gruß "Herzlich willkommen", gleich einem übergroßen Fladenbrot, das dann in Stücke aufgeteilt von allen verzehrt wurde.

Bei dieser Reise legte der Organisator des Programms, der frühere langjährige Vorsitzende der Gesellschaft, Hugo Drachler, großen Wert auf das Kennenlernen beeindruckender Landschaften zu den kulturellen Besichtigungen hin, Weltnatur- und Weltkulturerbe in dichter Folge. Im weiten Naturschutzpark Karatepe zwischen Bergen im Norden und dem Meer im Süden, konnte an einem der Stauseen Bekanntschaft mit hethitischen Ausgrabungen eines antiken Zentrums dieses einst mächtigen Volkes gemacht werden, und von den gewaltigen Burgen der Kreuzfahrer lockte Yilankale, die Schlangenburg, die ein kleiner Trupp, vorwiegend kletternd und aus Sicherheitsgründen kritisch begleitet, bezwang.

Bei dieser Studienreise konnten geschichtliche Kenntnisse in wörtlichem Sinne erfahren werden, und zwar weit über die Berichte in manchen Schulstunden oder durch Information in einschlägigen Medien hinaus, es trafen sich Vergangenheit und Tagespolitik etwa bei der Fahrt entlang der türkisch-syrischen Grenze mit den lang gestreckten Zeltstätten des Türkischen Halbmonds für Tausende von Flüchtlingen aus dem nahen Nordsyrien.

Die Inhalte liegen zum Greifen nahe: So konfrontiert den Besucher die Frage des Islams etwa in der neuen Moschee in Adana, für die ein gewachsenes Altstadtviertel abgerissen wurde. Mit frühchristlichem Gedankengut beschäftigt einen die Petrusgrotte in Antakya als älteste christliche Versammlungsstätte, und gar weit reicht der Blick zurück in das alttestamentarische Land der Genesis beim Blick vom Nemrut Dagi auf die Euphratebene im Osten und den Harran mit der Abrahamstadt Edessa, heute Sanli Urfa weiter südlich.

Archäologische Ausgrabungen deutscher Ausgräber in Göbeklitepe belegen den Übergang des Menschen vom Jäger und Sammler zur Sesshaftigkeit bereits vor 11 000 Jahren und die Errichtung seiner gewaltigen Tempel lange vor Ägypten und Stonehenge, was für die DIGler zu einem besonderen Erlebnis mit Staunen und Fragen wurde.

Der weit zurückliegende Heereszug Alexanders mit der bekannten Schlacht am Issos (333 vor Christus) und dem jeden Schüler geläufigen Reim erfährt hier zeitlich eine ganz andere Dimension. Ein Bad im nahen Mittelmeer vor der Stadt konnte nicht locken, die gewaltigen modernen Industrieanlagen luden nicht dazu ein.

Moderne Baumaßnahmen und die Bewahrung antiker Kunstwerke: Ein Konflikt, den es in Südostanatolien häufig zu lösen gilt, denn kulturgeschichtlich stellt die Gegend eine der wichtigsten Regionen der Erde dar. Durch den Atatürk-Staudamm als Teil eines riesigen Bewässerungsprojekts wurde ein landwirtschaftliches Zentrum geschaffen, in dessen Folge neue Siedlungen im Gebiet der traditionellen Trullis von Harran entstanden.

Immer wieder galt es, archäologisch bedeutende Funde in einem Kraftakt zu retten, denn die gestauten Fluten von Euphrat mit seinen Nebenflüssen stiegen unaufhaltsam. Von den wertvollen Mosaiken der einst reichen Stadt Zeugma am östlichen Rande des Römischen Imperiums konnten wohl 70 Prozent gerettet werden, die heute im supermodernen Museum in Gaziantep zu bewundern sind und Zeugnis geben von der einstigen, durch ihre Lage an Karawanenstraßen nach Mesopotamien wohlhabend gewordenen Stadt.

Den Abschluss der Reise mit einem weiteren Höhepunkt bildete der Besuch des Nemrutberges mit der Tumulusgrabstelle des Kommagenekönigs Antiochos I. auf 2150 Metern Höhe. Von den bis zu neun Metern hohen Skulpturen der größten Gottheiten der Antike mit Löwen und Adlern auf den drei Terrassen um seine pyramidenförmige Grabesstätte, sind noch beeindruckende mannshohe Köpfe und umgestürzte Stelen der einstigen Körper erhalten.

Beim Sonnenuntergang erlebten die Reiseteilnehmer unvergessliche Ausblicke ins Land - in das Land der weiten Horizonte.

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