Kunst muss unter die Menschen

Wider die "Betonbrutalität": Ulrich Lukaszewitz forderte beim Runden Tisch Kultur leidenschaftlich mehr Kunst im öffentlichen Raum.

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Runder Tisch mit (von links) Ulrich Lukaszewitz, Susanne Merkl, Christian Malycha, Andreas Vogt, Edith Koschwitz. Foto: Kipp

Die Kulturkonzeption findet Ulrich Lukaszewitz "hervorragend". Was aber noch völlig fehle, das sei die Position Kunst, vor allem im öffentlichen Raum, sprich: ein finanzieller Raum für mehr Kunst am Bau. Für die Erhaltung und Förderung bestehender und neuer Kunst fühle sich bei der Stadt derzeit einfach niemand zuständig - weder Kulturamt, noch Tiefbauamt, noch Baubürgermeisterin.

Deshalb nutze er jetzt das Forum des Runden Tischs Kultur, um die Diskussion mal wieder in Gang zu bringen: "Die Stadtverwaltung braucht die Hilfe des Runden Tischs, um in die Puschen zu kommen." Bei der Renovierung der Wilhelmstraße sei eine große Chance vertan worden, so Lukaszewitz. Es gab zwar große Diskussionen um die Mülleimer, aber kein einziges neues Kunst-Stück - etwa irgendetwas Stadtbildprägendes an der Ecke Karl-/Wilhelmstraße. Für viele Menschen seien Museen zu elitär. Kunst müsse aber auch auf Leute treffen, die sonst nichts mit ihr zu tun haben. Und deshalb sollen die Kunstwerke da hin, wo auch die Menschen sind. Und sie sollen ruhig Gefallen, Verstörung, Ärger und Auseinandersetzung mit aktuellen Entwicklungen provozieren.

So könnten sie oft Symbole der Identifikation mit der Stadt oder sogar deren Markenzeichen werden - wie die Imperia in Konstanz. Während laut Lukaszewitz die früheren Oberbürgermeister die Kunst im öffentlichen Raum und am Bau noch gefördert haben (Kalbfell ließ in der "Bambi-Zeit" unter anderem diverse Rehlein in der Stadt aufstellen), sei seit Stefan Schultes diese Tradition in Reutlingen völlig verloren gegangen. Vielleicht auch deshalb, weil diejenigen, die Open-Air-Kunst ermöglichen, oft "viel Prügel" einstecken müssen. Mit einem kleinen Foto-Rundgang durch die Stadt zeigte Lukaszewitz den Runden-Tischlern, welche historischen und neueren Kunstobjekte, Skulpturen, Brunnen oder Gebäude-Applikationen es in Reutlingen überhaupt gibt, welche gerade verfallen und wo statt Kunst hässliche Glascontainer rumstehen, etwa hinterm Rathaus: Während in Frankreich sogar die Autobahnen mit Kunst verschönert werden, "muss hier alles aussehen wie Kriegsmaterial und Panzer", meint Lukaszewitz.

Schade, denn wo Kunst ist, versammeln sich in der Regel auch Menschen, "entwickelt sich Urbanität". Ganz anders als auf den versiegelten Freiflächen zum Beispiel vor der Stadthalle, "wo sich kein Mensch aufhält". Kunst kann, so Lukaszewitz, eine Stadt durchaus ein wenig menschlicher machen. Auf der meist menschenleeren Freifläche zwischen Stadthalle und Tübinger Tor sollen sich bald - von Mai bis Oktober - die abstrakten Metall-Menschen von Joannis Avramides tummeln: Der kosmopolitische Österreicher ist aktueller Jerg-Ratgeb-Preisträger der HAP-Grieshaber-Stiftung. Die Zeichnungen und Malereien des renommierten Künstlers werden deshalb im Spendhaus, seine Skulpturen im Bürgerpark und Heimatmuseumsgarten gezeigt: Förmliche Menschenansammlung, die auf die griechische Antike und damit auf die Dreiheit Mensch-Stadt-Politik referieren.

Und so wird der Manfred- Oechsle-Platz zumindest vorübergehend zum bevölkerten "Marktplatz" - zur "Agora auf Zeit", wie es Spendhausleiter Herbert Eichhorn formuliert. Es ist gleichzeitig ein Testlauf für vielleicht weitere Kunst im Bürgerpark, sagt Kulturamtschef Dr. Werner Ströbele. Für die jugendliche Belebung der Bürgerparkfläche und Urbanisierung sorgt ja auch das beliebte KuRT-Festival - ein wichtiger kultureller Standortfaktor. Dessen Macher müssen aber um ihren Standort bangen, weil nicht nur Kunst, sondern auch Musik im öffentlichen Raum nicht von allen Anwohnern akzeptiert wird.

Das ist ein Thema für das "Wahlpodium" am 29. April, bei dem zur Kommunalwahl aus kultureller Sicht Stellung bezogen wird. Unter einer extra eingerichteten Mailadresse können Interessierte ihre Meinungen, Fragen und Anregungen formulieren. Frischen Wind in die Kunstszene bringt Christian Malycha als neuer künstlerischer Leiter und Geschäftsführer des Kunstvereins - Malycha stellte sich beim Runden Tisch vor. Er will die Kunst zu den Leuten, aber vor allem auch die Leute zur Kunst bringen, speziell in den Kunstverein.

Auch beim Kulturamt gabs personelle Veränderungen: Bisher war Susanne Merkl Ansprechpartnerin für den Runden Tisch Kultur, jetzt übernimmt das Andreas Vogt, der für den Neu-Rentner Wolfgang Rätz nachgerückt ist. Kultur braucht außer Verwaltung vor allem auch jede Menge Bares: Und so fand der Runde Tisch Kultur dieses Mal in der Kreissparkasse statt, einer der größten Sponsorinnen der regionalen Kultur: 750 000 Euro waren es 2013, mit denen man Kunst, Kultur und Soziales im Landkreis förderte.

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