Kunst muss das Wahre verkünden

"Aus". So nannte Wilhelm Rudolph eine Mappe mit Bildern vom zerstörten Dresden 1945. Doch er war mehr als ein "Ruinenmaler". Das Spendhaus zeigt dies in einer großen Werkschau.

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"Das Allerphantastischste, denkbar Phantastischste, das ist die Wirklichkeit", hat Wilhelm Rudolph einmal gesagt: "die kann man nie erfinden, da bleibt alle menschliche Erfindung schwach." Wilhelm Rudolph, geboren 1889 in Chemnitz, gestorben 1982 in Dresden, zählt zu den großen Einzelgängern in der Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts.

Ein markanter Kopf, der immer wieder Berührungspunkte zu zeitgenössischen Strömungen offenbarte - zum Impressionismus, zum Jugendstil, zum Brücke-Expressionismus, zur Neuen Sachlichkeit - , der aber zeitlebens eine jeweils eigenwillige Bildsprache ausformulierte.

Wie auf politischem Gebiet (siehe Info), blieb Rudolph auch im Künstlerischen "ein Suchender", wie Spendhaus-Vize Ralf Gottschlich erläutert. "Einer, der letztlich immer seinen eigenen Stiefel gemacht hat." Die NSDAP, von Rudolph anfangs unterstützt, diffamierte sein Oeuvre ab 1933 als "entartet". In der DDR, wo er in den 50ern die "Formalismus"-Debatte überstehen musste, kam er später zu höheren Ehren. 1966 durfte Rudolph gar den Staatsratsvorsitzenden Walter Ulbricht porträtieren; die Sitzungen dazu wurden medial begleitet. Den Grabstein Rudolphs auf dem Dresdner Johannisfriedhof ziert noch der DDR-übliche Titel "N.P.T." - Nationalpreisträger.

Den weitaus größten Teil seines Lebens hatte Rudolph in Dresden zugebracht, wo bis vor wenigen Tagen eine große Retrospektive zu sehen war. Diese Werkschau der Städtischen Galerie Dresden, ist nun - mit leicht anderem Akzent - als Kooperation auch in Reutlingen zu besichtigen.

Im Spendhaus, das von der Zeitschrift "Art" als "Holzschnitt-Mekka" gerühmt wurde, sind etwas weniger Gemälde dabei: Die Reutlinger Auswahl umfasst etwa 100 Holzschnitte und 15 Ölbilder. Die Hängung über drei Stockwerke orientiert sich nicht an der Chronologie, sondern an Themenkreisen: Tiere, Genreszenen, das zerstörte Dresden, Stadtansichten, Ufermotive, Landschaftsbilder und Porträts. Gleich der "Eyecatcher" im Erdgeschoss, ein Dresdner "Trümmerbild" Rudolphs von 1945, zeigt die typischen Merkmale seines Personalstils. Von der Stadt, schreibt er, war nach dem Bombenangriff "nur noch eine glühende, qualmende Brandstätte" übrig: "Diese Hitze. Und diese Stille. So eine beängstigende Stille, mitten in einer großen Stadt. Kein Laut. . . Dem standzuhalten, das verlangte Kraft."

In vielen dieser Bilder wird sie greifbar, diese gleichsam nachzitternde, vibrierende, lautlose Stille. Die Ruinen - pulverisiert, schattenhaft, in Auflösung begriffen - sehen bei Rudolph wie schwebende, verschwindende, immaterielle Schreckensvisionen aus, wie Nachbilder des Horrors. Die Gebäudereste ragen wie verstümmelte Gliedmaßen eines toten Geisterkörpers in den Himmel. Und doch spiegeln diese Bilder die grausame Realität. Rudolphs Credo lautete: "Kunst muss das Wahre verkünden."

Nur in wenigen Fällen ("Mondschein über Trümmern") lässt Rudolph auch romantische Dimensionen aufleuchten. Viele seiner "Ruinenbilder" könnten aber überall entstanden sein - auch in neuer Zeit bis heute, in Beirut, Sarajevo, Homs, Kobane, Baga. So betrachtet, bergen sie in ihrer Eindringlichkeit eine überzeitliche Botschaft, stehen "als Synonym für Krieg, Zerstörung und Elend", so Gottschlich.

Die Reutlinger Ausstellung freilich setzt schon vorher ein. "Im Eisenbahnabteil IV. Klasse" heißt ein ungeheuer expressives Ölbild von 1919 - eine düstere Gruppe dicht gedrängter, stehender Passanten: anonym, nahezu gesichtslos.

Obwohl Rudolph nie propagandistisch wird, weht doch ein Hauch sozialer Anklage durch manche Motive aus den 30ern, etwa im großformatigen "Lumpensammler"-Porträt. Gut, manche Bilder ("Mutter", 20er Jahre) ähneln im Stil einer Käthe Kollwitz, andere könnten auch aus der Hand eines Brücke-Künstlers stammen, so etliche Uferlandschaften oder das windschief verzerrte "Bauernhaus" (1920). Dann aber wieder zeigt Rudolph eine eigene, unverwechselbare, einmalige Handschrift. "Elbe mit Eis" etwa (1945), wo zahllose schwimmende Eisinseln wie Seerosen wirken. Seltsam auch, dass sich Rudolph in seinen Tierbildern besonders der Hyäne widmet, einer Spezies, die in vielen Gut-Böse-Mythologien bis heute als Inbegriff einer heimtückischen, ausgegrenzten Kreatur gilt.

Oder die Winterbilder - in denen chaotisch sich kreuzende Schraffuren den Eindruck eines Schneetreibens suggerieren. Besonders ausdrucksstark: die späten, impressionistischen Friedhofsbilder der 70er. Hier lösen sich die Umrisse des Realen vollends auf - Traumgesichte, Visionen, Todesahnungen. . .

Termine - Öffnungszeiten

Eröffnung Die Ausstellung "Wilhelm Rudolph. Das Phantastischste ist die Wirklichkeit" eröffnet heute, Freitag, 30. Januar, um 19 Uhr im Städtischen Kunstmuseum Spendhaus Reutlingen.

Dauer Die Ausstellung ist bis 12. April zu sehen. Öffnungszeiten: Dienstag bis Samstag 11 bis 17 Uhr, Donnerstag bis 19 Uhr, Sonntag und Feiertag bis 18 Uhr. Am Karfreitag geschlossen.

 

Auch politisch lebenslang ein Suchender

Wilhelm Rudolph Dem Sohn eines Webstuhlmonteurs ermöglichten adlige Fürsprecher ein Studium an der Dresdner Kunstakademie. 1923 bis 1925 ist er KPD-Mitglied und beteiligt sich an einer Ausstellung in der Sowjetunion. 1931 tritt er der NSDAP und der SA bei, verlässt die Partei aber wieder 1932. Sein zweiter Beitritt 1933 wird 1935 für ungültig erklärt. Das NS-Regime entzieht ihm die Lehrerlaubnis und erklärt sein Werk als "entartete Kunst". 1946 wird er wieder Professor an der Kunstakademie. Weil er dem Rektor seine SA- und seine zweite NS-Mitgliedschaft verschwiegen hat, wird ihm 1949 gekündigt. In den 50ern rehabilitiert, bekommt er 1961 und 1980 den Nationalpreis der DDR. 1966 erhält er den damals ehrenvollen Auftrag, Walter Ulbricht zu porträtieren.

 

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