Krise als Chance nutzen

Die Kosten der Tafel sind seit dem Umzug von der Rommelsbacher Straße in das einstige Bürgerspital enorm gestiegen, die Kundenzahl ist gesunken. Was tun, fragen sich die Verantwortlichen.

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Bei den Finanzen hakts: Der Reutlinger Tafelladen in der Rommelsbacher Straße schreibt rote Zahlen. Foto: Norbert Leister

Fakt ist: Der Reutlinger Tafelladen schreibt rote Zahlen. Gezeigt hat sich das vor allem mit der Abrechnung der Nebenkosten für die Räume im ehemaligen Bürgerspital für das Jahr 2009, die Rose Biedermann als hauptamtliche Tafel-Leiterin erst Anfang dieses Jahres auf den Tisch flatterte. Hinzu kam nach den Worten von Günter Klinger, Geschäftsführer des Diakonieverbands Reutlingen und Träger der Tafel, dass die Kundenzahlen erstaunlicherweise zurückgegangen sind. Obwohl die Zahl der Armen ja nicht gesunken ist, kamen zeitweise anstatt der einstmals bis zu 130 Einkäufer an einem Öffnungstag manche Male nur noch 50. Und die Gründe dafür?

Um sowohl den sinkenden Kundenzahlen und Einnahmen wie auch den gleichzeitig angestiegenen Kosten auf den Grund zu gehen, wurde im März eine Arbeitsgruppe ins Leben gerufen, der neben Biedermann und Klinger auch das gesamte ehrenamtliche Leitungsteam der Tafel angehört. Das Ziel all der Überlegungen in dem Arbeitskreis: Die Ausgaben müssen um 30 000 Euro reduziert werden. Oder die Einnahmen um den gleichen Betrag gesteigert, um mit einer schwarzen Null am Jahresende herauszukommen.

Eine Vielzahl an Maßnahmen soll das nun erreichen. Wie zum Beispiel, dass eines der drei Fahrzeuge abgestoßen wird. "Ein weiterer Öffnungstag am Mittwochvormittag wird seit dem 9. November ausprobiert, um die Einnahmeseite zu verbessern", sagt Biedermann. Ein neuer Flyer soll bei potenziellen Kunden zudem mehr Aufmerksamkeit erregen.

Überlegungen gebe es auch, einen Teil der Gesamtfläche von 400 Quadratmetern abzugeben, die von der Tafel im Bürgerspital belegt werden. Zwar gewähre die Stadt als Besitzer des Gebäudes einen Mietnachlass von rund 18 000 Euro - zu den verbleibenden etwa 5000 Euro schlagen Nebenkosten von rund 20 000 Euro pro Jahr zu Buche. Ein wesentlicher Faktor dabei: Alle Mieter in dem Gebäude zahlen die Heizkosten nicht nach Verbrauch, sondern pro Quadratmeter - "wobei wir fast nicht heizen", sagt Günter Klinger. Der Geschäftsführer des Diakonieverbands ist zurzeit in Verhandlungen mit der Stadt Reutlingen, um eine Reduzierung der Nebenkosten zu erreichen.

Ein anderer Faktor, der in der Tafel die Kostenseite belastet, ist die Entsorgung des Mülls: "Unsere Fahrer sind angehalten, nur Obst und Gemüse von den Supermärkten und Discountern zu bringen, das wir auch wirklich verkaufen können", erläutert die Tafel-Leiterin. Das funktioniere aber nicht immer. Und wenn etwa freitags ein Überangebot an leicht verderblichen Waren vorhanden ist, dann müssen die entsorgt werden. Zu den normalen Müllgebühren kommen da noch rund 2500 Euro im Jahr für die Anlieferung bei einer Biogasanlage in Jettenburg hinzu. "Die Entsorgung durch die Stadt wäre noch teurer gewesen", sagt Biedermann.

Ein anderer Punkt, der vor allem den Ehrenamtlichen in der Tafel immer wieder auffällt: "Die Leute sagen selbst, dass das Einkaufen in der Tafel immer noch mit einem Makel belastet ist", sagt etwa Eva Killat. Saisonbedingt kommen laut Biedermann im Sommer deutlich weniger Kunden. Weil sie Arbeit gefunden haben. Oder aber im Urlaub in ihrem Heimatland sind. Andere Kunden bleiben eventuell auch weg, weil ihnen das Nummernsystem nicht gefällt: Morgens anstehen, um dann ab 13 Uhr möglichst als einer der Ersten einkaufen zu können - das passt nicht allen Einkäufern. "Aber es gibt ja die Möglichkeit, zwischen 14.30 und 16 Uhr ohne Nummer einzukaufen." Dennoch werde überlegt, dieses System zu ändern. Nur: Die Erfahrungen anderer Tafelläden zeigen, dass bisher nirgendwo das Ei des Kolumbus gefunden wurde.

Das Gesamtfazit: "Wir wollen und müssen die Krise als Chance sehen", sagt Günter Klinger. Helfen soll das ganze Maßnahmenpaket, um das Defizit der Tafel abzufangen. Was zu hoffen bleibt - schließlich sind zahlreiche Menschen in Reutlingen von der billigen Einkaufsmöglichkeit abhängig.

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