Köpfe, Leiber, Flossen

Der Reutlinger Holzschneider HAP Grieshaber beschäftigte sich viel mit griechischer Mythologie. Seine "Tritone" (1962), Mischwesen zwischen Fisch und Mensch, sind Bild des Monats Februar im Spendhaus.

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HAP Grieshabers Interesse an der griechischen Mythologie: hier "Tritone", Mischwesen zwischen Mensch und Fisch, ein Farbholzschnitt von 1962.  Foto: 

Wenn man an das Werk Grieshabers denkt, so fallen einem vielleicht zunächst Themen aus dem Mittelalter oder aus der frühen Neuzeit ein: der Totentanz von Basel etwa oder die Motive zum Bauernkrieg. Oder Themen, die sich auf die schwäbische Heimat des Künstlers, auf Alb und Oberschwaben, beziehen oder auf das aktuelle Zeitgeschehen, etwa die Diktatur in Griechenland oder den Putsch in Chile.

Dabei übersieht man leicht, dass sich noch ein ganz anderes Thema wie ein starker roter Faden durch Grieshabers Werk zieht, nämlich die Beschäftigung mit der Bilderwelt der Antike, vor allem aber mit deren Mythologie. Dabei interessieren ihn nicht so sehr die großen Götter des Olymps, etwa Zeus oder Apoll, sondern eher die Welt der Misch- und Fabelwesen aus dem Gefolge dieser Götter.

Diese mythischen Gestalten sind für Grieshaber nicht fern, sondern fühlen sich offensichtlich in der hiesigen Landschaft heimisch. Schon der erste Pan, den er 1939 in Holz schneidet, hat es sich zwischen Tannen gemütlich gemacht.

Im Kontext seiner Glasmalereien für das 1964 eröffnete neue Stadtbad in Stuttgart-Feuerbach gab Grieshaber 1962 zusammen mit dem Schriftsteller Helmut Heißenbüttel (1921 bis 1996) das Mappenwerk "O Du mein Neckar" heraus.

Heißenbüttel verankert seinen Text für die Mappe in der Welt der Fakten. Er zählt etwa die Nebenflüsse des Neckars auf, nennt die wichtigen Städte am Fluss, benennt genau die Größe des Einzugsgebietes, nennt schließlich die großen Söhne der Landschaft von Hölderlin bis Mörike und dann auch die großen hier beheimateten Industriebetriebe, unter anderem Bleyle, Bosch oder Mercedes.

Grieshaber betrachtet dagegen in den sechs Farbholzschnitten und vier Steingravuren der Mappe, die ähnliche Motive wie die Glaswände des Hallenbades zeigen, das Neckartal als mythischen Raum. Da zeigt ein Blatt den Engel des Neckar, und auf einem anderen wird bereits der Ursprung des Neckars von einem Engel bewacht. Die meisten Blätter haben Figuren aus der griechischen Mythologie zum Motiv, vor allem solche, die Luft oder Wasser bevölkern. Später sollte sich Grieshaber an seine Arbeit an den Glasbildern und an der Mappe so erinnern: "Ich holte also mein schwäbisch-attisches Ungeziefer wieder hervor und versuchte, es mit transparenten Farben dem Sonnengott mitten ins Gesicht zu malen. Harpyien, Kentauren, Tritonen, den Zephyros, Oceanus, Nereus, Poseidon, einfach alles, was es schon von jeher zwischen Alb und Neckar in meiner Phantasie immer gegeben hat."

Im ausgewählten Blatt zeigt der Künstler eine Gruppe von Tritonen, Mischwesen zwischen Mensch und Fisch, die zusammen mit ihren weiblichen Pendants, den Nereïden, den Meeresgott Poseidon begleiten. In dem in zwei Farben gedruckten Holzschnitt erkennen wir die Köpfe, die Leiber, die Flossen und die Fischschwänze mehrerer Tritonen in unterschiedlichen Größen und Haltungen, die munter durcheinander schwimmen. In der entsprechenden Darstellung im Hallenbad findet das Leben dort im unbeschwerten Treiben der Fabelwesen seine Entsprechung und gleichzeitig seine Überhöhung.

Wie viele Texte Grieshabers belegen auch die Mappe "O Du mein Neckar" und die Glasmalereien für das Feuerbacher Stadtbad eindrucksvoll, wie nah, wie vertraut dem belesenen und humanistisch gebildeten Künstler die griechische Mythologie war.

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