Königinnen der Nacht

Scatgesang mit Bass und Gitarre: Das Gastspiel der "grand old ladies" Sheila Jordan und Jay Clayton geriet zur magischen Reise in die Jazzgeschichte.

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Jazzhistorie geballt: Cameron Brown, Sheila Jordan und Jay Clayton. Foto: Spiess

Sheila Jordan war nie ein Kandidat für die großen Jazzbühnen. Viel lieber singt sie in kleinen, atmosphärischen Locations - so wie dieser Tage in den gut besuchten Daylight Studios. Dort hatten Ulli Koebe und Tobias Festl zu ihrem letzten gemeinsam veranstalteten Konzert mit den beiden Sängerinnen Sheila Jordan und Jay Clayton sowie Jack Wilkins (Gitarre) und Cameron Brown (Bass) geladen.

Sheila Jordan und Jay Clayton, die beide zusammen 155 Jahre Jazzgeschichte verkörpern, agieren mit viel Charme und sind ganz offenbar noch sehr gut bei Stimme. Immer wieder greifen die beiden Jazz-Diven im Laufe des Abends Kompositionen ehemaliger Weggefährten auf. Während sich Clayton als Meisterin des sich (mittels Double Tracking überlagernden) Scatgesangs erweist, lässt sich Jordan in die Musik fallen. Stimmt hier einen traditionellen Indianergesang an, phrasiert dort mit ironischer Distanz. Sie ist noch immer ein wahres Bühnenwunder, das die alten Jazzklassiker visualisiert und, wenn nötig, auch für Jazz-Ignoranten mit charmanter Distanz erträglich macht.

Der mittlerweile 84-jährigen Sheila Jordan, die als Tochter einer armen Bergarbeiterfamilie bereits als Kind öffentlich aufzutreten begann, um das Familieneinkommen etwas aufzupeppen, ist ihr Alter kaum anzumerken. Der Bebop auf den frühen Platten von Charlie Parker entfachten in dem jungen Mädchen bereits in den 1940er-Jahren ein Feuer, das bis heute glüht und an dem sie sich auch manches Mal verbrennen sollte. Denn häufig setzte sich die weiße Sängerin aus Liebe zum Jazz über alle rassistischen und gesellschaftlichen Grenzen hinweg und wurde mehrfach auf offener Straße verprügelt und verhaftet. Trotzdem stand sie immer wieder auf und in der Folge mit den meisten (dunkelhäutigen) Legenden des Genres - von Thelonius Monk über Sonny Rollins bis zu Charlie Parker - auf der Bühne.

Gemeinsam mit ihrer Freundin und Gesangspartnerin, der 71-jährigen Jay Clayton, bewegt sie sich mal keck, mal virtuos durch die verzwicktesten Blue Notes. Es ist ein mit humorvollen Geschichten gespickter Jazz, ohne treibende Rhythmen, aber mit viel Gefühl und Ausstrahlung. Dabei haben Jordan und Clayton in Jack Wilkins und Cameron Brown zwei Weggefährten, die sich in den passenden Momenten zurücknehmen, um den Stimmen der beiden Jazzdiven den nötigen Raum einzuräumen. Am Ende applaudiert das Publikum minutenlang stehend.

Denn nicht nur Sheila Jordan, auch das selbstbewusste Auftreten ihrer Gesangspartnerin Jay Clayton und jeder einzelne ihrer Mitmusiker überzeugt durch spannungsreiches Spiel. Besonders die ausgiebigen Soli des New Yorker Top-Gitarristen Jack Wilkins, der in den 70er- und 80er-Jahren mit Stan Getz, Chet Baker, Charles Mingus, Sarah Vaughan und Ray Charles zusammenarbeitete, ragen heraus. Stets sind es die alten Blue Notes, die im Spiel dieser Formation die magischen Momente heraufbeschwören. Und natürlich die beiden, der großen Jazz-Generation angehörenden Sängerinnen, die sich trotz ihres fortgeschrittenen Alters agil, humorvoll und allürenfrei geben.

Die Band um Sheila Jordan und Jay Clayton bescherte dem Publikum einen bezaubernden Abend, der, wenn es nach den beiden Jazzdiven geht, in Tobias Festls wieder aufgelegter Jazzreihe in Reutlingen bald eine Fortsetzung finden soll.

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