Klingendes Poesiealbum

Das Atelier ist voll mit Lautsprechern, Musiknoten und Kabeln. Aber alles wohl geordnet. Der 33-jährige Bremer Heiko Wommelsdorf macht Klangkunst. Seit Oktober ist er Stipendiat der HAP-Grieshaber-Stiftung.

|
Spielerisches Interesse und künstlerischer Tiefsinn: Grieshaber-Stipendiat Heiko Wommelsdorf vor seiner Arbeit "100 Lochstreifen".  Foto: 

Unter den Stipendiaten gab es über die Jahre schon Holzschneider, Maler, Bildhauer und Performer. Da war es nun höchste Zeit, dass mal ein Klangkünstler eingeladen wurde: Heiko Wommelsdorf lebt und arbeitet seit Oktober in Reutlingen, Frau und Kind sind ebenfalls von Hamburg hierher gezogen. Von der Elb-Metropole nach Reutlingen - wie ist das?

Wommelsdorf lächelt: "Ich mag es gerne, neue Städte zu erkunden." So war er auch hier in Reutlingen bei einer Ausstellungseröffnung des Projektraums "Vitamin" in einem angemieteten Hinterhof - solche Aktionen, sagt Wommelsdorf, könnten auch in Berlin stattfinden und verströmen durchaus so etwas wie "Großstadtfeeling".

Der 33-jährige Bremer hat zunächst Holzbildhauer gelernt, ist dann aber in Kiel und Braunschweig auf Klangkunst umgestiegen. Nach zwei Jahren Hamburg ist er nun in Reutlingen tätig. Und als erste Aktion hier im Stipendiaten-Atelier in der Peter-Rosegger-Straße hat er eine Präsentationswand aufgebaut. Da prangt bereits ausstellungsreif seine Arbeit "100 Lochstreifen". Dazu hat er Freunde, Kommilitonen und Professoren gebeten, ihm jeweils eine im G-Schlüssel notierte Komposition aufzuschreiben. Wobei die Notenpunkte dabei oft auch Bilder ergeben - oder Worte wie "Silence" oder "One Piece More", Grüße wie "Von Nils", Miles-Davis-Zitate wie "Kind of Blue" und dergleichen mehr.

All diese Notate hat er auf Lochstreifen übertragen, die nun in seiner Installation von einer Spieluhr zum Klingen gebracht werden - optisch nachlesbar fürs Publikum anhand der ausgestellten Noten-Grüße. So ist diese Arbeit mit dem lapidaren Titel "100 Lochstreifen" in Wirklichkeit viel mehr: Die stellvertretende Spendhaus-Leiterin Martina Köser-Rudolph spricht gar von einem "klingenden und optischen Poesiealbum", in dem sich Wommelsdorfs Bekannte mit individuellen Botschaften verewigt haben.

Eine andere Arbeit von Wommelsdorf bewirkt eine akustische Täuschung - die Illusion eines ewig ansteigenden und eines ewig fallenden Tons, wie sie der Psychologe Roger Shepard in den 60ern mit Sinustönen hergestellt hat. Dann "Turntables", eine Installtation mit zerschnittenen und neu zusammengefügten Schallplatten: Beim Abspielen entsteht der Eindruck einer rhythmischen Klangcollage.

In einer anderen Ecke des Raumes schließlich stehen aufgereiht ein paar alte Bekannte: so genannte "Thermohygrographen", wie sie in jedem Museum zu sehen sind - Apparate, die die Luftfeuchtigkeit messen, aufzeichnen und kontrollieren. Auch sie geben Geräusche, geben Musik von sich - ein leises Ticken etwa. Durch "Kontextverrückung" mutieren sie in Heiko Wommelsdorfs Installation von passiven Aufzeichnern zu aktiven Klangerzeugern, vom nebensächlichen Inventar-Objekt zum Hauptakteur.

Überhaupt, die Stille. Gibt es sie? Selbst im Reutlinger Stipendiaten-Atelier registriert Wommelsdorf Heizkörper, Straßengeräusche oder kaputte Leuchtstoffröhren, die Töne aussenden. Er selbst nennt die Minimal Music à la Steve Reich als wichtigen Impulsgeber seiner Arbeit, auch die Kompositions-Konzepte von John Cage sowie dessen Credo "Alles ist Musik".

Eine ganze Serie seiner Arbeiten beschäftigt sich mit Vorrichtungen wie Abluftklappen, Heizkörpern und Lüftungsschächten, die er aus der Statistenfunktion befreit und zu künstlerischen Klanginstallationen aufwertet. Und wie hält es der Künstler selbst mit der Musik? Wommelsdorf spielt Gitarre, Klavier und war Mitglied in Bands, bis er irgendwann die Klangkunst entdeckte - und er in eine Phase einstieg, in der "Lüftungsschächte dann die Gitarre abgelöst haben".

Und ja, sowas kam auch schon vor: Als seine Freunde mal eine Arbeit von ihm betrachten wollten, da fanden sie das Werk zunächst nicht - weil es sich ganz harmlos und unauffällig hinter einer Abluft-Verschlussklappe oben unter der Decke verbarg. Bis sie entdeckten, dass da Klänge herausdrangen. . .

Mal sehen - und hören, wo das hinführt. Heiko Wommelsdorf plant die Abschlussausstellung seines Stipendiaten-Aufenthalts auf Ende April 2016.

Was das Stipendium ermöglicht und fördert

Stipendium Heiko Wommelsdorf ist der 15. Stipendiat der HAP-Grieshaber-Stiftung. Seit 1994 wird das Stipendium vergeben, mittlerweile alle zwei Jahre. Finanziert wird es von der Stadt Reutlingen, der Kreissparkasse Reutlingen und dem Grieshaber-Freundeskreis. Es stellt jungen Künstlern zehn Monate lang Wohnung, Atelier und Lebensunterhalt (1200 Euro) zur Verfügung. Die Geförderten sind meist Kunsthochschulabsolventen, erläutert die stellvertretende Spendhaus-Leiterin Martina Köser-Rudolph. Wommelsdorfs Vorgänger waren 2013 Katrin Wegemann (Berlin) und 2011 Dirk Meinzer (Hamburg). Die Stipendiaten sind inhaltlich nicht an Grieshabers Arbeit gebunden. Sie können statt dessen, so Köser-Rudolph, "Positionen überdenken oder sich neu aufstellen". Verpflichtet sind die Absolventen lediglich zu einer abschließenden Präsentation - einer Schluss-Werkschau mit ihren hier entstandenen Arbeiten.

OP

Abonnieren Sie das kostenlose Morning-Briefing aus der Chefredaktion
Damit starten Sie top informiert in den Tag. Außerdem im Newsletter: Die Wettervorhersage und die aktuelle Verkehrslage in der Region.
» zur Registrierung

Noch kein Kommentar

Schreiben Sie Ihren eigenen Kommentar

noch 3000 Zeichen
Mit Ihrem Kommentar akzeptieren Sie unsere Netiquette

Für registrierte Nutzer

Melden Sie sich an und schicken Sie Ihren Kommentar ab:

Für noch nicht registrierte Nutzer

Registrieren Sie sich kostenlos, um Ihren Kommentar abzuschicken:

Ich bin damit einverstanden, dass die Neue Pressegesellschaft mbH & Co. KG und ihre Tochterunternehmen mich schriftlich (per E-Mail oder Brief) oder telefonisch über ihre Medienangebote und kostenlose Veranstaltungen informieren dürfen. Meine Daten dürfen zu diesem Zweck gemäß den Bestimmungen des BDSG gespeichert, verarbeitet und genutzt werden. Die Einwilligung kann ich jederzeit widerrufen.
Ich bin mit den Datenschutzbestimmungen einverstanden. *

Bitte beantworten Sie noch die folgende Sicherheitsfrage:

neu laden
Content Management by InterRed GmbH Logo
weiter zur Startseite

Ein kleines Wattestäbchen reicht

Bei der Spendenaktion für den zweijährigen Joel bereicherten 1324 Freiwillige mit ihrer Speichelprobe die weltweite Stammzellen-Datei. weiter lesen