Klänge in Stein gemeißelt

"KlangRaum" hieß das Motto: Beim Jazzfrühling gaben Hannes Fessmann und Jan Henning ein Konzert mit klingenden Steinen und Baritongitarre.

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Die Katharinenkirche war bis auf den letzten Platz besetzt. Selbst die Stehplätze wurden knapp - und das, obwohl es bei diesem Projekt gar keine Musik im herkömmlichen Sinn zu hören gab.

Vielmehr handelt es sich hier um ein Experiment, das vorher noch nie vor Publikum aufgeführt wurde. Vor gut einem Jahr riefen der Wankheimer Tonsatzkünstler Hannes Fessmann und der Reutlinger Gitarrist Jan Henning nach einem ersten Zusammentreffen bei einem Festival in Tübingen das Projekt ins Leben. Obwohl sie aus ganz unterschiedlichen Musikwelten stammen, sahen sie die Verbindung von archaischer Klangerzeugung mittels Klangsteinen mit zeitgenössischer Instrumentaltechnik als große Herausforderung. Während Fessmann seine Klangskulpturen seit 23 Jahren aus speziellem Tiefengestein aus der Schweiz, Iran und vor allem aus Indien eigenhändig herstellt, experimentiert der in Los Angeles und Reutlingen lebende Henning mit verschiedenen fünf- bis zwölfsaitigen Gitarren, aus Holz, Aluminium, Karbon oder Acrylglas.

Für diese Uraufführung hat der Gitarrero und Sound-Designer eine eigens für dieses Projekt entwickelte Baritongitarre ausgewählt. Hannes Fessmann begleitet ihn an fünf aus indischem Gabbro hergestellten Klangsteinen. Drei Tage waren die beiden damit beschäftigt, die 80 bis 100 Kilogramm schweren Steine in die Katharinenkirche zu transportieren und vor dem Altar zu installieren. Schon deshalb wäre dieses Konzert im Jazzkeller Gartenstraße nicht umsetzbar gewesen. Überdies "brauchen diese Klänge einen Raum", sagte Jan Henning bei der Begrüßung, und den bietet die Katharinenkirche, die gerade ihr 125-jähriges Jubiläum feiert, "wie kaum ein anderes Gotteshaus".

In gespannter und zusehends entspannter Atmosphäre beginnt Hannes Fessmann, einem großen Klangstein mit den Handflächen multivokale Obertöne zu entlocken. Zu den vibrierenden, sphärischen Melodien der mit Lamellen ausgestatteten Steinblöcke gesellen sich schon bald die Griffbrett-Spielereien von Jan Henning, der die Saiten seiner Baritongitarre scheinbar nur antippt. Nein, Henning schrubbt nicht einfach um die Wette, er jongliert mit Harmonien, die zwischen den Griffbrettern hin- und herfliegen. Er nimmt sich Zeit für Nuancen, experimentiert mit Chord-Tapping- und Obertonspiel-Techniken. Vom Folk-Furioso bis zur andächtigen Trauerstimmung reicht seine Ausdrucksskala.

Hannes Fessmann streichelt geradezu andächtig seine Steinblöcke. Beträufelt sie mit warmem Wasser und lässt einen ganz eigentümlichen Urklang entstehen. Choralartige Tonschleifen entstehen, die sich ineinander drehen wie Papierschlangen am Ende eines Karnevalsumzugs. Leise, ohne Getöse führen die zwei Musiker das Publikum in ein Labyrinth aus sphärischen und experimentellen Klangflächen.

Ein Abend, der zeigt, wie unterschiedliche Klangwelten miteinander harmonieren. Viele Zuhörer wollen nach dem Konzert mehr über die Steine wissen.

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