Keine Tötungsabsicht feststellbar

Das Schwurgericht hält die Angeklagte eigentlich für keine Gewalttäterin. Dennoch muss sie für ihre Attacke drei Jahre und einem Monat in Haft.

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Als "Martyrium" bezeichnete Richter Christoph Sandberger die Vorkommnisse in der Nacht auf den 4. April 2013. Laut Anklageschrift hatte die 33-Jährige ihren Nachbarn festgehalten, um von ihm unter schmerzhaftem Einsatz von Messer und Fleischergabel ein Inzuchtgeständnis zu erzwingen. Ein Stich in Richtung Herz, den das Opfer mit der Hand abgehalten habe, stand ebenfalls zur Debatte.

Im Wesentlichen als bestätigt sah die Schwurgerichtskammer die Vorwürfe der vorsätzlichen Körperverletzung, Nötigung und Freiheitsberaubung. Der enorme Belastungsstress - eine Kürzung ihrer Hartz-IV-Bezüge und der drohende Entzug ihrer Kinder -, ihre starke Alkoholisierung, die schwierige Biografie mit Drogensucht und ihre zur Theatralik und Impulsivität neigende Persönlichkeit sowie das assymmetrische Abhängigkeitsverhältnis zwischen Opfer und Angeklagter hätten ihren Teil dazu beigetragen. Wahrscheinlich steckte hinter der Tat keine Rationalität, schließlich profitierte die Beschuldigte von den finanziellen Zuwendungen ihres Nachbarn. Sandberger vermutete, dass die Alleinerziehende ihren angestauten Frust am Geschädigten ausgelassen habe.

Ihrer eigenen Aussage, dass der Reutlinger der eigentliche Aggressor gewesen sei, schenkte die Kammer keinen Glauben. Schließlich war auf den mitgeschnittenen Tonbandaufnahmen deutlich die aktive Rolle der 33-Jährigen zu hören, während ihr Nachbar alles über sich ergehen ließ. Zudem erkannte das Gericht beim Opfer keinerlei Motivation für eine Falschaussage, zumal dieser sich bemüht hatte, die Tat in einem möglichst milden Licht erscheinen zu lassen. Der Empfehlung ihres Rechtsanwalts Markus Bessler, sie zu einem Jahr auf Bewährung zu verurteilen, folgte das Schwurgericht daher nicht.

Obwohl auf jener Aufnahme auch immer wieder ihre Drohung "Ich bringe dich um" zu hören war, ging das Gericht aber nicht von einer Tötungsabsicht aus. Schon Staatsanwalt Thomas Trück, der drei Jahre und vier Monate gefordert hatte, war bereits in seinem Plädoyer davon abgerückt.

Wie ein Sachverständiger bestätigt hatte, lasse sich nicht genau rekonstruieren, ob wirklich in Richtung vitaler Organe gezielt wurde. Und wenn sie wirklich vorgehabt hätte, den Mann zu töten, dann hätte sie dazu die Gelegenheit gehabt, meinte Sandberger. Zudem passten die Aussagen auf der Tonbandaufnahme, in denen sie ihm eine Gefängnisstrafe androhte, nicht dazu. Dass das Opfer sich aber in "Todesangst" befunden habe, sahen die Richter und Schöffen in dessen rettendem Fenstersprung aus drei Metern Höhe, bei dem er sich einen Fersenbruch zugezogen hatte, als erwiesen an.

Eigentlich halte das Gericht sie nicht für eine Gewalttäterin, so Sandberger. Er gab der Angeklagten mit auf den Weg, sich in Zukunft um mehr Stabilität in ihrem Leben zu bemühen.

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