Kein Friedhof Mittelmeer

Politikwissenschaftler Prof. Dietrich Thränhardt war kürzlich beim "Forum Diakonie". Es ging dabei auch darum, um einen kleinen Beitrag zur Versachlichung der Flüchtlingsdiskussion leisten.

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Hendrik Bednarz, David Roth, Dieter Schweizer, Khalil Alali und Moderatorin Claudia Mann (von links) diskutierten vor kurzem beim "Forum Diakonie" über Bedeutung und Schwierigkeiten der Flüchtlingsaufnahme.  Foto: 

Fast jeden Tag besteigen Hunderte Menschen Boote, oftmals Nussschalen, um über das Mittelmeer nach Europa zu kommen. "Der Papst hat die Problematik angesprochen und gesagt, dass das Mittelmeer kein Friedhof werden darf", sagte Professor Dietrich Tränhardt vor kurzem im Reutlinger "Forum Diakonie".

Zahlreiche Mitarbeiter der evangelischen Kirche wie auch solche aus den diakonischen Einrichtungen waren vor kurzem gekommen, um sich weiter über dieses brennende Thema zu informieren. Europa schotte sich ab, betonte der Politikwissenschaftler Dietrich Thränhardt. Der einzige Weg auf diesen Kontinent führe über das Meer, rund drei Prozent aller Flüchtlinge sterben dabei. Sehr makaber klinge es da, wenn der CDU-Politiker Volker Kauder sagte: "Wir müssen Flüchtlinge aufnehmen - wenn sie es bis zu uns schaffen", zitierte der Professor den Abgeordneten.

Durchschnittlich würden die Menschen rund 20.000 Euro bezahlen, um auf diese Boote zu kommen. Die erschreckende Realität sehe so aus, dass die Flüchtlinge entweder "im Stacheldraht landen oder auf den Booten". Denn Europa versuche, die Flüchtlingsströme an den südlichen Grenzen durch meterhohe Zäune abzuwehren.

"Es fehlen Schritte der Bundesregierung, um dieses System zu durchbrechen", kritisierte Thränhardt. Agieren statt zu reagieren wäre gefragt, Kooperationen "mit den Durchgangsländern" wäre eine Möglichkeit. Die Türkei etwa habe 1,6 Millionen Flüchtlinge aus den Krisengebieten Syrien und dem Irak aufgenommen. Angeregt hat der Professor zudem "Aufnahmebüros in den Fluchtregionen", etwa in Nordafrika. "Deutschland wäre fähig, den Zaun zumindest ein Stück weit zu durchschneiden."

Allerdings kam beim "Forum Diakonie" auch Kritik auf: Pfarrer Peter Rostan gab zu bedenken, dass auch aus Ländern wie Syrien, Afghanistan und dem Irak vor allem die Elite, die gebildete Schicht die Flucht ergreife - und damit genau jene Menschen, die bei einem Wiederaufbau der Länder fehlen würden. Deshalb plädierte Rostan für groß angelegte Hilfe für die Flüchtlingslager in Jordanien, dem Libanon und der Türkei, "aber ohne den Menschen die Möglichkeit zu geben, nach Europa zu kommen". Ansonsten würden die Länder noch weiter ausbluten. "Man darf das eine nicht tun, ohne das andere zu lassen", sagte Thränhardt dazu.

Allerdings waren an diesem Nachmittag noch weitere Personen geladen, die sich auf dem Podium fachkundig zur Situation der Flüchtlinge in der hiesigen Region äußerten. Dr. Hendrik Bednarz etwa sagte als Verantwortlicher des Landkreises für die Flüchtlingsunterbringung: "Wir sind auf Kante genäht und ständig auf der Suche nach neuen Unterkunftsmöglichkeiten."

Auf die Frage von Moderatorin Claudia Mann vom Diakonischen Werk Württemberg nach dem offensichtlichen "Bearbeitungsstau" der Asylanträge, sagte Hendrik Bednarz: "Wir sind als Landkreis der Spielball dieser Verfahrensabläufe, die Bewerber müssen zum Teil drei oder vier Jahre warten, bis sie Bescheid wissen."

Dieter Schweizer sprach als einer der treibenden Kräfte des Arbeitskreises Asyl in Dettingen die Wohnsituation der Flüchtlinge an: Er könne sich nicht vorstellen, dass selbst befreundete Familien auf engstem Raum nach eineinhalb Jahren noch gut aufeinander zu sprechen wären, wenn sie sich täglich auf der Pelle sitzen. "Wir müssen Verständnis für diese Menschen haben, zumal jeder Einzelne von ihnen traumatisiert ist und in psychologischer Betreuung gehörte."

David Roth als Kopf des Metzinger Arbeitskreises Asyl betonte, dass in der Sieben-Keltern-Stadt vielfältige Aktionen von zahlreichen engagierten Ehrenamtlichen durchgeführt werden. "Wir nehmen die Leute etwa mit ins Boxtraining, und am Schönsten sind die Begegnungen im Café International." Aber: "Bei aller Hilfsbereitschaft müssen wir im Blick haben, dass kein Neid entsteht bei anderen benachteiligten Menschen in unserer Bevölkerung", so Roth. Khalil Alali ist einer der Flüchtlinge, die aus Syrien nach Deutschland kamen. 17 Tage war er unterwegs, wurde in Passau von der Polizei aufgegriffen.

"Das war das erste Mal in meinem Leben, dass ich froh war, mit der Polizei zu tun zu haben", wurde der 36-Jährige übersetzt. Er will hier zunächst die Sprache lernen und danach weiter Jura studieren. "Bei uns setzt sich langsam die Erkenntnis durch, dass wir die Grenzen von Europa nicht geschlossen halten dürfen und damit die Menschen elendiglich ersaufen lassen", sagte Prälat Dr. Christian Rose zum Abschluss des "Forums Diakonie".

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