Jupiter mit Blitz aus Pappe

Ein Neujahrskonzert mit Fasnet-Flair: Der Liederkranz Pfullingen brachte Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt" auf die Bühne. Regie führte Eugen Hilbertz, es dirigierte Mario Kay Ocker.

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"Orpheus in der Unterwelt" in den Pfullinger Hallen: hier die vier "Schampus Pearls" aus Eningen.  Foto: 

Es wird eng auf dem Olymp, wenn die drei Chöre vom Liederkranz Pfullingen (Männer- und Frauenchor sowie ffortissimo) sich dort als Götter tummeln. Der Olymp ist in diesem Fall die Bühne der Pfullinger Hallen (wo es am Wochenende zwei Aufführungen gab). Und sie wird am Ende zur Unterwelt, wenn die Göttertruppe dort Party macht.

Eine höllische Herausforderung: Jacques Offenbachs Operette "Orpheus in der Unterwelt" passend zu machen für den Liederkranz und die Hallen-Bühne. Das Stück ist schon in sich vielfach verschachtelt: Drin stecken der Mythos von der Gattentreue, die Oper von Gluck - "Ach, ich habe sie verloren!", französische Geschichte, viele Anspielungen und eine deutsche Umarbeitung. Offenbach hat die Sage satirisch auf den Kopf gestellt und eine geniale, spritzige, dabei anspruchsvolle Musik geschrieben, die Hauptfigur Eurydike (mit voller Mezzo-Stimme: Susanne Meyer) singt Koloratur. Was müssen die Beteiligten geprobt haben!

Gut, dass Chorleiter Mario Kay Ocker Opernerfahrung besitzt; er lenkte die Aufführung mit knappen Gesten wach und sicher durch Himmel und Hölle. Das Orchester vertraten - tadellos - Friedemann Treutlein und Ulrich Betz am Konzertflügel sowie Katharina Fasoli an der Violine, hinzu kam eine E-Bass-Schlagzeug-Combo. Die Solisten kamen teils von außerhalb, teils aus den Chören, entsprechend uneinheitlich war der Gesangsstil. Mutig!

Offenbachs Persiflage wurde auf amüsante Weise umgestaltet, Liederkranz-Vorsitzender Eugen Hilbertz als Regisseur samt den Seinen ließ sich einiges einfallen: Die "öffentliche Meinung" ist eine gestrenge Dame in Hut und Trenchcoat (Rosemarie Mehlhorn), Musiklehrer Orpheus (Hubert Mayer) spielt saitenlose Playback-Geige, Pluto/Aristeus (Michael Heinz) verwandelt sich vom Albschäfer in einen Teufel mit Hörnchen, Götterchef Jupiter (Georg Gädker) trägt Hosenträger und summt als behelmte Fliege, Götterbote Merkur fährt einen blinkenden City-Roller. Der stark besetzte Dreifach-Chor bewährte sich mit viel Spaß und Engagement als olympischer Hofstaat; schade nur, dass die Texte teilweise schwer zu verstehen waren. Wieso reckten die Massen die Fäuste? Schmeckte das Ambrosia nicht? Dass sie ihren Chef auslachten, war jedoch deutlich zu hören. Die Gluck-Arie wurde quäkend als Heuchelei entlarvt, das Lied des anrührend vergesslichen Hans Styx (Eugen Hilbertz) "Als ich einst Prinz war - in Pfullingen" übernahm der Männerchor.

Die Interpretation vollzog eine Gratwanderung zwischen Operngestik und Klamauk, mal fand man sich auf der einen, mal auf der andern Seite. Eine witzige eigene Zutat war die Idee, das Höllenfest zum ffortissimo-Ständchen für Elvis Presley umzufunktionieren; dafür hätten es jedoch statt der fünf auch ein, zwei Beiträge getan.

Mit "Muss i denn" ist lange nicht Schluss: Vor lauter Höllen-Party ("Ein Lied, Eurydike!") kommt man kaum dazu, Orpheus und Gemahlin für die Nachwelt wieder zusammenzuführen ("Okay, ich nehm sie wieder mit") - was in diesem Fall Jupiter vereitelt, indem er den Geiger mittels eines gezackten Papp-Blitzes zum Umdrehen zwingt, der diesem (zwecks Treffsicherheit) hinterhergetragen wird, und so die liebliche Geigersgattin für die Bacchantenschar gewinnt.

Das Lob auf Bacchus mündet in den berühmten Cancan, zum flotten Finale lassen die vier "Schampus-Perlen" aus Eningen gekonnt Röcke und Beine fliegen, das Publikum klatscht begeistert mit und spart am Ende nicht mit Applaus.

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