Journalismus retten! Wozu?

Er ist "anchorman" und Chef des ZDF-"heute-journals". Seit Anfang 2015 ist er auch Honorarprofessor am Tübinger Institut für Medienwissenschaften. Heute hält Claus Kleber seine öffentliche Antrittsvorlesung.

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Er kann auch beredt lächeln: Mister "heute-journal" Claus Kleber spricht im Festsaal der Uni Tübingen - heute.  Foto: 

Honorarprofessor ist: Kein Honorar, aber viel Ehre, sagt Prof. Susanne Marschall beim Pressegespräch mit Dr. Claus Kleber. Und zum Honorarprofessor der Uni Tübingen werde man nur berufen, wenn man promoviert und publiziert hat - und in einer besonderen Beziehung zur Uni steht. Was ja bei dem gebürtigen Reutlinger der Fall ist. Schließlich hat Kleber in Tübingen als "ewiger Student" Jura studiert, promoviert und im damaligen SWF-Studio gearbeitet. Heute hält er seine Antrittsvorlesung. Und Susanne Marschall, Direktorin des Zentrums für Medienkompetenz, wagt einen Tipp: "Ich rechne mit einem Riesenansturm."

Seinen Beruf habe er also als "Handwerk erlernt", erzählt Kleber, während ihm das "akademische Rüstzeug" eher fehle. Dafür ist der heute 59-Jährige ein Mann der Praxis. Er weiß, wie eine tägliche Sendung, aber auch ein Zwei-Jahres-Projekt entsteht. Und so will er in seinen künftigen Blockseminaren an der Uni "nicht von oben herab" dozieren. Er freut sich vielmehr auf den Austausch zwischen den "zwei Erfahrungswelten" Praxis und Wissenschaft, und hofft, "genauso viel zu lernen wie die Studierenden".

Zu den "fundamentalen Umbrüchen in der Medienlandschaft" wird er in seiner Antrittsvorlesung unter dem Titel "Rettet den Journalismus! - Wozu?" Stellung nehmen. Sicher sei, dass die Massenkommunikation von der Netz(werk-)kommunikation abgelöst werde. Dies würde sicher auch solche großen Kompaktpakete wie das "heute-journal" mit Fakten, Hintergründen, Reportagen und Kommentaren verändern. Auch das "Dozierende, Welterklärende" des Journalismus sei "ein wenig aus der Mode" gekommen. Trotzdem: Er glaubt nicht, dass "alles den Bach runtergeht".

Der Bedarf an professionellem Journalismus sei nach wie vor da. Man müsse eben überlegen, wie die Inhalte zukünftig vermittelt und verbreitet werden sollen. "Keiner weiß, wie das in 25 Jahren aussehen wird", und "es wird immer einen geben, der an einem Ereignisort das erste Handyfilmchen dreht". Aber in den Nachrichten dürfe man eben nicht "sofort drauf los plappern", sondern müsse bei solch großen Ereignissen wie dem Anschlag auf die Charlie-Hebdo-Redaktion erst einmal genau hinschauen, was darüber hinaus passiert sei und welche Bedeutung es für alle Seiten habe. Dann gelte es, das Ganze professionell journalistisch aufzuarbeiten.

So werde bei "heute plus" schon viel herumexperimentiert. Erfahrungen, "die uns zugute kommen", etwa in Sachen Transparenz bei den Produktionsprozessen. Mit den Neuen Medien sieht sich ein Format wie das "heute-journal" auch viel mehr interaktiver Kritik ausgesetzt. Bei journalistischen Fehlern, etwa als in der Ukraine die Embleme der Soldaten verwechselt wurden, erwarte "das Publikum zu Recht, dass wir das richtigstellen".

Kritik an Haltung oder Aussehen wiederum: "Da muss man überlegen, ob einen das interessiert." Kleber glaubt auch nicht unbedingt an die Zunahme der Beeinflussung durch Regierungen und Konzerne: Auch Robert Capa oder Ernest Hemingway seien schon "embedded" unterwegs gewesen, "nur hieß das damals noch nicht so."

Man müsse eben die Arbeitsbedingungen offenlegen. Es sei eine Illusion, zu glauben, man könne sich in einem Krisengebiet frei bewegen. Apropos Krise: Was ihm an den Nachrichten nahe geht, seien weniger die Größe der Katastrophen oder die Todeszahlen, sondern die einzelnen Momente, die kleinen Geschichten, die man dann auch "mit nach Hause nimmt". Trotzdem: Journalismus sei für ihn genau das Richtige: "Ich mag keine Routine." Vor allem als Korrespondent ist "jeder Tag anders". Als "anchorman" des "heute-journals" lautet sein Credo: moderieren, nicht kommentieren. "Ich möchte eine Haltung haben und als kritischer Bürger nachfragen: Das ist mein Job." Aber er will nicht, dass man ihn "politisch verorten" kann. Kritisch, direkt und verständlich wolle er sein.

Und ein bisschen frech. Insgesamt habe er nur selten Schwierigkeiten mit seinen Moderationen bekommen. Seine Texte werden zwar beim Entstehen mitverfolgt, er müsse aber "nichts zur Genehmigung vorlegen". Der Schlussredakteur und Chef vom Dienst sei für die Sendung zwar verantwortlich, aber "nicht weisungsbefugt". So herrsche beim "heute-journal" ein "kollegialer Austausch". Jetzt freut sich Kleber aber erst einmal auf den Austausch mit den Studierenden.

Geboren in Reutlingen, Studium in Tübingen

Öffentliche Antrittsvorlesung, Dr. Claus Kleber zum Thema : "Rettet den Journalismus! - Wozu?"

Termin Heute, Dienstag, 2. Juni, 18 Uhr, Neue Aula, Festsaal, Wilhelmstraße 7, Tübingen.

Claus Kleber Geboren am 2. September 1955 in Reutlingen. Grundschule in Vaduz (Liechtenstein) und Bensberg/Köln. Dort Abitur und Mitarbeit beim "Kölner Stadt-Anzeiger". Ab 1974 Jurastudium in Tübingen, zwei Auslandssemester in Lausanne. Mitglied der katholischen Studentenverbindung AV Guestfalia. Freie Mitarbeit beim damaligen SWF Tübingen. 1980/83 Examen, Dissertation in Washington D.C. und New York, Anwaltstätigkeit in Stuttgart. 1986 Promotion in Tübingen zum Thema "Privater Rundfunk - Gestaltungsmöglichkeiten im Verfassungsrahmen". Seit 1986 ARD-Korrespondent in USA (wo er unter anderem über die Terroranschläge vom 11. September 2001 berichtete), zuletzt Studioleiter in London. Seit 2003 Moderator und Leiter des "heute-journal". 2012 führt Kleber ein aufsehenerregendes und umstrittenes Interview mit dem damaligen iranischen Staatspräsidenten Ahmadinedschad.

SWP

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