Joline: Die gechillte Achte

Eine fünf Monate alte Pfullingerin hat jetzt einen ganz besonderen Paten bekommen: den Bundespräsidenten. Die Abualhayjas freut’s.

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Gechillt ist sie! Aber so was von! Das muss man ihr lassen. Unter der rosaroten Schleife, die quer über ihre Stirn gespannt ist, fallen ihr die Äuglein immer wieder zu. Wohlig kuschelt sie sich in ihr weißes Jäckchen und tut, als würde sie gar nicht dazugehören. Dabei dreht sich heute alles um Joline. Und natürlich um ihre Mutter. „Denn acht Kinder auf die Welt zu bringen, das muss man erstmal schaffen“, sagt Gihan Abualhayja.

Eine reife Leistung, für die die Pfullingerin jetzt die entsprechende Würdigung bekommen hat. Bundespräsident Joachim Gauck hat die Ehrenpatenschaft für die kleine Joline übernommen. Weshalb Bürgermeister Michael Schrenk der Großfamilie am Dienstag einen Besuch abgestattet hat. Die Urkunde, ein Autogramm Gaucks mit der „echten Unterschrift“, wie Schrenk auf Nachfrage von Jolines Geschwistern versicherte, und einen Umschlag mit Geld überbrachte er den Abualhayjas im Namen des Bundespräsidenten. Joline, geboren am 15. Mai, also vor gerade mal fünf Monaten, hat davon freilich nicht viel mitbekommen. Im Gegensatz zu Diana, die bisher mit ihren sechs Jahren das Nesthäkchen der Familie war – und die eigentlich schon das Patenkind des Bundespräsidenten hätte werden können.  Wenn ihre Eltern da bereits gewusst hätten, dass man das siebte Kind einer Familie für die Patenschaft anmelden kann. Gemerkt haben das die Abualhayjas erst, als Tagesmutter Iris O’Meara sie darauf angesprochen hat. Da war Diana mit ihren damals drei Jahren schon zu alt für den Antrag auf eine Patenschaft. Was rückblickend kein wirkliches Problem ist: Jetzt ist es eben Joline geworden, die ihren Namen einem Lied von Dolly Parton zu verdanken hat.

Um Namen indes ist Gihan Abualhayja eh nicht verlegen. „Medina wäre auch schön gewesen. Überhaupt fallen mir hunderte Namen ein“, sagt sie. Immerhin sechs hat sie – neben Joline und Diana – ja auch schon bei ihren verschiedenen Geburten angeben dürfen. Bei Safa ist das 17 Jahre her, bei Walid 16, bei Nora 13, bei Mohamed zwölf, bei Faraj acht und bei Soraya sieben.

Dass die Jüngste nun mit relativ großem Abstand eine Nachzüglerin geworden ist, liegt auch daran, dass Gihan einfach mal eine Verschnaufpause gebraucht hat. Und geplant hatte sie es eh nicht, acht Jungen und Mädchen auf die Welt zu bringen. „Nach den ersten zwei Söhnen dachte ich: Das ist eigentlich perfekt. Dann kamen das fünfte und das sechste Kind. Und dann habe ich aufgehört zu zählen. Und überhaupt: Jetzt höre ich auf“, erzählt sie nun, da Nummer acht auf dem Sofa schläft, lachend.

Derweil empfindet es die 37-Jährige als „große Ehre“, dass es extra eine Urkunde des Bundespräsidenten gibt. „Das ist eine Anerkennung“, freut sie sich und hat auch gleich recherchiert. „Das gibt es nur 300 Mal in Deutschland“, weiß sie über die Ehrenpatenschaften.

Dass Gihan Abualhayja es zu einer Großfamilie gebracht hat, mag auch daran liegen, dass sie selbst fünf Geschwister hat. Und obwohl sie in Offenburg geboren worden ist, lebt fast ihre ganze Familie in Reutlingen und Umgebung. „Wir sind erst vor ein paar Jahren nach Pfullingen gezogen“, erklären Mothanna und Gihan, deren Familien beide ihre Wurzeln in Palästina haben. Weshalb die Eltern und ihre Kinder auch zweisprachig unterwegs sind.

„Wir sprechen alle deutsch und arabisch“. Doch nicht nur verbal sind die Abualhayjas in ihrem Zusammenleben perfekt organisiert. Auch ansonsten ist die Großfamilie bestens strukturiert. Wann welches Kind wo im Haushalt mitanpacken muss, ist durchgeplant. Anders ginge es kaum. Denn zehn Personen in einer Wohnung mit gerademal vier Zimmern: Das bedeutet viel Rücksichtnahme, viel Disziplin – aber auch jede Menge gute Laune.

„Andere Leute, die haben viel Geld, ich habe viele Kinder“, sagt Gihan, die „auf jedes einzelne von ihnen stolz und gerne Mutter ist“. Auch wenn das manchmal ziemlich stressig ist. An Urlaube wagen die Abualhayjas nicht mal zu denken. Selbst Ausflüge sind problematisch, weil nicht alle ins Auto passen, das „nur“ sieben Sitze hat. „Dann müssen wir eben zwei Mal fahren“, sieht’s die Mutter eher gelassen.

Nicht ganz so gelassen nimmt sie’s allerdings, dass man als Großfamilie auch mit Vorurteilen zu kämpfen hat. „Das haben wir vor allem bei der Wohnungssuche schon gemerkt“. Denn für eine zehnköpfige Familie eine große Wohnung oder gar ein Haus zu finden, gestaltet sich ziemlich schwierig. Falls sich aber doch noch ein Vermieter melden sollte – die Abualhayjas würden sich riesig freuen.

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