Jetzt hat er sich selbst gesägt

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Was ein Vincent van Gogh hinbekommen hat – das kann auch ein Billy Tröge. Letzterer hat sein Selbstbildnis allerdings nicht gemalt, sondern gesägt. Zu sehen demnächst bei „Kunst im Tuffsteinkeller“.

EVELYN RUPPRECHT

Die Schildmütze leicht nach oben geschoben, der Blick entschlossen geradeaus gerichtet, die Kettensäge fest in beiden Händen: Da steht er nun gleich doppelt. In Platane und in Fleisch und Blut. Billy I hat Billy II erschaffen. „Eine Schnapsidee eigentlich“, sagt er über sein Selbstbildnis. „Gar nicht schlecht“, denkt sich die Betrachterin. Der Mann hat sich ziemlich gut getroffen. Wie gut, das können die Besucher des Lichtensteiner Events „Kunst im Tuffsteinkeller“ vom 18. bis 20. Juli selbst beurteilen. Dort wird der Künstler nämlich nicht nur vor großem Publikum sägen, sondern auch sein Selbstbildnis zeigen. Weshalb Tröge hofft, dass das Wetter so richtig gut wird. Nicht unbedingt, weil der Platanen-Billy nicht im Regen stehen soll. „Aber es kommen halt doch mehr Leute, wenn’s schön ist“, glaubt der 26-Jährige.

Noch steht das Kunstwerk allerdings nicht in der Honauer Ortsmitte, sondern in Omas Garten. Hedy Butzen, die die Landesziegenweide in Pfullingen betreibt, ist Tröges Großmutter und bei ihr, am Gewand vor dem Ahlsberg, geht er meist auch seiner Arbeit, dem Erschaffen von Holzskulpturen mit der Kettensäge, nach. Keine ganz lärmfreie Angelegenheit, weshalb sich Tröge auch streng an die mittäglichen und abendlichen Ruhezeiten hält. Und überhaupt: Der gelernte Heizungs- und Klimatechniker lebt ja nicht vom Sägen allein. „Zu 50 Prozent arbeite ich auch noch als Baumpfleger“, sagt er, den’s schon als Jugendlichen zum Holz hingezogen hat. Nicht, dass er so unglaublich gern in der Natur wäre. Campen zum Beispiel findet er ziemlich öde. Aber die Bäume und das Gestalten haben’s ihm schwer angetan.

Angefangen hat alles mit einem Krokodil. Das hat er einst Peter Kramer geschenkt, damit der es in seinen Garten an der Gönninger Straße stellen kann. Schildkröten und Pilze folgten. Und schließlich, vor sechs Jahren, hat Tröge sein Hobby zum Beruf gemacht. Seitdem sägt er im Auftrag – für Privatleute, für Firmen, für öffentliche Einrichtungen. Und für die Stadt Pfullingen. Sie hat Tröge sozusagen im Vorbeigehen entdeckt, als Gemeinderat und Förster ihren „Wandertag“ hatten und an einen Baumstumpf kamen, aus dem der junge Mann einen Waldgeist hat wachsen lassen. Schnell war klar: Tröge soll den Sagenweg „ausstatten“, der dann im vergangenen Jahr eröffnet wurde. Urschel und Waldmännle, Holzmichel, Haule und andere Figuren aus der Pfullinger Sagenwelt hat Tröge in Menschengröße geschaffen – natürlich erst, nachdem er sich mit dem Geschichtsexperten Martin Fink besprochen und in die heimatkundliche Literatur eingelesen hatte.

Mit einer handelsüblichen Schneidegarnitur, mit einem Carving-Schwert, mit Spezialwerkzeug fürs Grobe und fürs Feine – Tröge ist Besitzer von sage und schreibe neun Kettensägen – , mit Messern und mit Finish-Schleifern hat der Künstler sich daran gemacht, die Pfullinger Sagenwelt in Eiche auferstehen zu lassen. Eine Holzart, die lange hält, aber auch der Pflege bedarf, damit sie nicht zu sehr nachdunkelt. Weshalb Tröge auch heute noch regelmäßig über den Sagenweg pirscht, um die Skulpturen einzuölen und sie vor den Unbilden des Wetters zu schützen.

Der Sagenweg ist für die Stadt wie für Tröge ein Aushängeschild geworden. „Ich will ja auch für die Leute was Schönes schaffen, es ist für mich ein Ansporn, was Tolles zu machen, was alle sehen“, schildert der Pfullinger seine Motivation. Und sein Traum? „Eines Tages nur noch das zu machen“, sagt er. Nur noch von den Holzskulpturen zu leben, für die ihm die Ideen nicht auszugehen scheinen.

„Ich will zeigen, was möglich ist mit der Kettensäge“, sagt er und stellt sich nicht ganz ohne Stolz neben sein Selbstbildnis, das ihn fast ein bisschen überragt. 60 Stunden hat er daran gearbeitet. „Jetzt muss ich’s nur noch einölen und ein bisschen anbrennen, damit die Schattierungen und die Hemdfalten besser rauskommen“, plant er schon die nächsten Arbeitsschritte.

Danach wird Billy II nach Honau verfrachtet, damit ihn da am nächsten Wochenende so viele Menschen wie möglich anschauen können. Dass jemand das Selbstbildnis kaufen wird, bezweifelt Tröge indes. Weshalb er schon darüber nachgedacht hat, wo der Platanen-Billy später stehen soll. In Omas Garten wird er zurückkehren. Dabei folgt er einer zwingenden Logik: „Dann bin ich bei meiner Großmutter, auch wenn ich nicht da bin“.

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