Jesse Davis im Pappelgarten

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Melodischer Jazz aus New Orleans: Jesse Davis zu Gast im Reutlinger Pappelgarten.  Foto: 

Mehr als zwei Sunden lang gab es im vollen Pappelgarten vorwärts treibenden Hardbop: Das Jesse Davis Quartet aus den Staaten überzeugte bei seinem Konzert durch ein Höchstmaß an klanglicher Authentizität. Die Veranstalter des Vereins TheMu konnten sowohl mit der Publikumsresonanz als auch mit dem Auftritt der vier Top-Jazzer mehr als zufrieden sein.

Jesse Davis ist ein Perfektionist. Jedem Ton, den er spielt, gibt er so viel eigenen Schwung mit, dass er sich wuchtig und zielgerichtet wie eine Kugel auf der Kegelbahn bewegt. Der schwergewichtige Afroamerikaner aus New Orleans spielt nur ab und an die saxofonüblichen, rasend schnellen Tonfolgen, aber das, was er spielt, ist voller Eindeutigkeit, Nachdruck und Konsequenz.

Selten beendet er eine Phrase so, wie er sie angefangen hat, aber alle Töne treffen genau ins Zentrum. Jesse Davis ist vielleicht kein Musiker vom Range eines Wynton Marsalis, aber einer, der zusammen mit dem britischen Pianisten Paul Kirby, dem deutschen Kontrabassisten Martin Zenker und dem südkoreanischen Drummer Kim Minchan für beste Stimmung unter den gut hundert Besuchern sorgt.

Zudem ist der in New Orleans geborene und aufgewachsene Saxofonist einer dieser Jazzmusiker, die gerne im Hintergrund bleiben und die deshalb keiner so richtig kennt. Der eine oder andere hat ihn vielleicht schon in anderen Bands gehört – bei Kenny Barron, Ron Carter und Benny Golson etwa oder bei aktuellen Top-Jazzern wie Roy Hargrove und Brad Meldau.

Stets stand und steht der 51-jährige Altsaxofonist ein wenig im Schatten seiner Zeitgenossen, sei es nun Wynton Marsalis oder Terence Blanchard, mit denen er gemeinsam am New Orleans Center for Creative Arts studiert hat.

Gleich zu Beginn des Konzerts werden in einer beinahe tastend verhaltenen Stimmung beharrende, klangreiche Töne und lyrische Melodielinien ausgestreut. Jesse Davis windet sich mit seinem warm und variabel klingenden Altsaxofon drumherum, markiert Ecken, zieht Linien und federt leicht dahin. Minchan Kim an den Drums und Martin Zenker am Kontrabass besetzen Zwischenräume, ohne etwas zuzudecken oder aus dem Blick zu verlieren, während Paul Kirby am Klavier eher Zurücknahme und Konzentration in die Musik bringt.

Allmählich werden die Texturen dichter. Davis bläst in Stücken wie „Blue Autumn“ oder „Beyond the shore“ ein hauchig warm klingendes Saxofon, er kann aber auch anders. Dann interpretiert er bekannte Standards wie „You don‘t know what love is“ auf eine sehr freigeistige Art und Weise oder nutzt sie als Sprungbrett – nicht für solistische Profilierung vor begleitendem Hintergrund, sondern meist für eng verzahntes, hellhöriges und verdichtetes Zusammenspiel. Sein Spiel bleibt auch in der Expression lyrisch und hat eine melancholische Tiefe, der Altersmilde fern ist.

Bei ihrem Auftritt stellen die vier Musiker einen groovenden Clubjazz vor, der klar in Richtung Hardbop steuert, sich aber auch an Grover Washington oder Kenny Barron orientiert.

Jesse Davis ist zweifellos ein Könner auf seinem Instrument, in manchen Passagen passt er gar in die großen Stiefel von Charlie Parker. Kein Modernisierer, der John Coltranes Giant Steps weiterführt, auch wenn er dessen Sound in Balladen wie „Just in Time“ wiederholt anklingen lässt. Vielmehr ein Meister des Understatements, der auch seinen Spass hat, wenn er im Hintergrund steht und seinen Mitmusikern lächelnd zuhört.

⬛ Dienstag, 14. Februar, 20 Uhr: Shauli Einav Quartet – Bester französischer Jazzmusiker des Jahres 2016.
⬛ Samstag, 4. März, 20.30 Uhr: Counterpoints – Moderner Cool Jazz mit Solisten aus der Schweiz und USA.
⬛ Donnerstag, 23. März, 20 Uhr: Andersen/Mössinger/Schriefl – Trio der Superlative aus drei europäischen Bandleadern.
⬛ Sonntag, 26. März, 20 Uhr: Fonda/Stevens Group – Acoustic Jazz aus New York. Weiterer Ausblick:
⬛ Dienstag, 4. April, 20 Uhr: Sternal Transatlantic Trio – Trio um den Echo-Preisträger und Pianisten Sebastian Sternal.
⬛ Donnerstag, 20. April, 20 Uhr: Underkarl – Jazzrock um den Bassisten Sebastian Gramss.
⬛ Samstag, 6. Mai, 20.30 Uhr: Franz von Chossy Quintet – Jazz mit Filmmusik-Touch.
⬛ Mittwoch, 24. Mai, 20.30 Uhr: Black Art Jazz Collective – Afroamerikanisches Hardbop-Update um Drummer Jonathan Blake.

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