Jeder mit anderen Ideen

Schneidern ist ein universelles Handwerk mit Schick und Fantasie. Wie gemacht für die zwanglose Völkerverständigung zwischen Café-Bar, Zuschnitt, Nähmaschine und Kinderspielecke im Reutlinger Nähcafé.

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Das leise Maschinensurren im Hintergrund vermittelt eine heimelige Atmosphäre. Die zehnjährige Lilly-Sophie hat wie so viele das Nähen von ihrer Großmutter gelernt und sie ist sich sicher, dass die rotkarierte Schürze aus Omas Stoff-Resten sehr von ihr gelobt werden wird. Fachliche Unterstützung bekommt sie von Sandra Müller, die heute ihren ersten Tag als ehrenamtliche Mitarbeiterin im Reutlinger Nähcafé hat. Ein paar Spaziergänger nutzen den freien Tisch am Fenster für einen angeregten Kaffeeplausch. Bis vor zwei Minuten hat Lilly dort noch ihre Hausaufgaben gemacht.

Sabine Rück vom Trägerverein der Begegnungsstätte und Jasmina Bergmann sitzen zwischen dem Stoffregal, einem knallig roten Quilt an der Wand, Schachteln mit allerhand Kurzwaren und Spitzen, Einweckgläsern voller Knöpfe und erzählen begeistert von ihren multikulturellen Gästen: etwa einem ehemaligen Pastor, der eines Tages hereinschneite, sich an eine der Nähmaschinen setzte und eine Radlerhose nach der anderen anpasste.

Eine Frau stand mit Stoff samt Näh- und Schnittanleitung von You Tube vor der Kaffeebar, grabschte sich das nötige Handwerkszeug und machte sich am Schnitt-Tisch zu schaffen. Das riesige Möbel im Herzen des Ateliers ist wie die Theke handgemacht und gespendet. Die zehn Marken-Nähmaschinen sind bis auf zehn Prozent Restwert ein fabrikneues Geschenk. Die Kaution und die ersten Mieten für den Laden in der Unteren Gerberstraße 9 sind Starthilfen überzeugter Gönner. Deshalb kostet die Stunde an der Nähmaschine auch nur symbolische zwei Euro - eben wegen der Wertschätzung.

"Kürzlich waren zwei Flüchtlinge vom Asylcafé hier", erinnert sich Jasmina Bergmann, "einer davon ist Schneider. Die haben zügig in fünf Stunden fünf Hemden umgenäht und hatten eine Riesenfreude dabei. Wir haben uns mit Händen und Füßen verständigt." Eine neugierige Teilnehmerin des letzten Kindernähkurses stammt aus dem Haus gegenüber. Ein junges Mädchen mit Migrationshintergrund, das sich wie selbstverständlich hinter die nächstbeste Nähmaschine klemmte und loslegte. Das Highlight schlechthin waren zwei Indonesierinnen: Sie hatten die fixe Idee, sich aus einem Tischläufer in Form von gefilzten Blumen und einem grünen Stück Stoff ein Partykleid zu nähen. Ohne Schnitt und viel Nähpraxis. Der Erfolg unter Anleitung einer erfahrenen Mitarbeiterin war verblüffen.

"Jeder kommt mit anderen Ideen", sagt Vereinsvorstand Sabine Rück. In den Nähkursen und ganz nebenbei entstehen so Taschen, Kissen, Plüschtiere oder "Schmuser". Der Renner zu Weihnachten waren Adventskalender-Söckchen. Momentan liegen Hennen-Eierwärmer aus Filz und ausgestopfte Stoff-Hühner auf dem Tisch, nach ganz einfachen selbst gezeichneten Mustern. Die Klientel ist seit Eröffnung des Reutlinger Nähcafés im Mai 2014 viel bunter als erwartet: Mütter mit Kindern, kreative Männer, regelmäßige Kaffeegäste. Darunter Frauen aus Vietnam, dem Kongo, Palästina, Eritrea, Nigeria, Mazedonien und eine muslimische Mitarbeiterin, die auch als Multiplikatorin wirkt. Die Atmosphäre beim gemeinsamen Arbeiten ist überaus zwanglos und angeregt.

Hinter der Initiative steht eine Gruppe von Frauen aus der Evangelischen-Freikirchlichen Gemeinde, die nach dem biblischen Motto "Suchet der Stadt Bestes" schon länger nach möglichen Brennpunkten recherchierte. "In Reutlingen leben Menschen aus 132 Ländern. Auf das Stadtgebiet verteilt hat mehr als ein Drittel der Einwohner einen Migrationshintergrund" - das war der Ansatzpunkt. Bis zum Nähcafé war es gedanklich nicht mehr weit. Weil: "Nähen ist in den verschiedenen Kulturen weit verbreitet.

Auch wenn bei der Frequenz noch oben noch Luft ist und sich die Mitarbeiterinnen noch spannende Projekte wie den nächsten Kinder-Ferienkurs oder Nähmaschinen-Führerscheine vorstellen können. Die Begegnung über Stoff, Schick und Handfertigkeit funktioniert. Eine Herzensangelegenheit, bei der Sabine Rück gerade jetzt sehr wichtig ist, "einen Gegenpol gegen rassistisches und fundamentales Gedankengut zu setzen".

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