Jazz über Generationen hinweg

Spielverläufe sind bei diesem außergewöhnlichen Duo kaum vorhersehbar: Das so ungleich erscheinende Jazz-Traumpaar Heinz Sauer und Michael Wollny bringt eine ganz eigene Melancholie mit ins Sudhaus.

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81 Jahre alt: der prominente Jazz-Saxofonist Heinz Sauer. Foto: Jürgen Spiess

Nicht nur sein Tenorsaxofon und seine kompromisslose Musik hat Heinz Sauer ins Sudhaus mitgebracht. Gefolgt sind ihm auch seine treuen Fans - aus Stuttgart, Böblingen, sogar München. Nun sitzen sie dicht an dicht und lauschen gespannt, was das Duo der unterschiedlichen Generationen zu bieten hat, wie sie ihre Themen zusammenfügen, ihren Klang gestalten.

"Wir spielen jetzt einfach mal irgendwas", begrüßt der hagere Saxofonist des Jahrgangs 1932 seine Fans. Die Antwort: Entspanntes Lachen und lauter Beifall. Und schon stürzen sich die beiden in ihre Musik, selbstvergessen, abgehoben, wie für den Augenblick neu erfunden. Mit der ihm eigenen Lakonie und der kräftigen Unterstützung des mehr als 45 Jahre jüngeren Kollegen Michael Wollny am Piano hebt Heinz Sauer Duke Ellingtons "A-Train" von den Schienen.

Nimmt mit skurriler Fantasie das bekannte Thema auseinander, sodass es kaum noch zu erkennen ist. Reckt sein Instrument Richtung Horizontale, als wolle er damit vor Augen führen, was den Raum dermaßen physisch mit Klang erfüllt.

Klang, das ist überhaupt das Stichwort. Das Duo des 35-jährigen Diplomjazzers Wollny und des nunmehr 81-jährigen Heinz Sauer - seit 1960 Mitglied und Komponist des HR-Jazzensembles und viele Jahre Bandmitglied bei Albert Mangelsdorff - begibt sich in seinen zwei Sets auf die Suche nach der Gestaltung des Klangs. Ja, der Weg, die Suche steht im Mittelpunkt. Gesucht wird die Unmittelbarkeit. Die feste Struktur verwischt, dafür überlautes Atmen am Mundstück, wildes Klopfen auf Piano-Tasten, zärtliches Hämmern ins Flügel-Innere - das alles sind keine Störgeräusche, sondern es passt sich wunderbar den akustischen Höhenflügen an.

Die Pausengespräche schwanken hernach: "sehr abgehoben", finden die einen, ein anderer nennt Wollnys Jazz "transparent wie eine Bachsonate". Sicher ist: Man wird Zeuge einer zum Teil fulminanten Jazz-Demonstration, ohne je auf einen abgenutzten Trampelpfad oder einen Allgemeinplatz des Jazz zu geraten.

Über "Dont Explain" von Billie Holiday improvisieren sie und über Sinéad OConnors "Nothing Compares 2 U". Ja, sie greifen fast den ganzen Abend lang zurück auf bekannte und unbekannte Jazzstandards ihres aktuellen Albums "Dont Explain - Live in Concert" und spielen nur wenige ihrer zumeist kurzen Eigenkompositionen.

Neben dem spindeldürren, fast einer Giacometti-Figur gleichenden Sauer am Tenorsaxofon glänzt Michael Wollny vor allem durch feinsinniges Timing und seine präsente Art. Die Strähnen des halblangen Haares im Gesicht, beugt sich der Pianist wie eine Marionette mit eckigen Bewegungen tief über die Tasten, begibt sich mit seinem Partner auf Klangsuche, gibt Phrasen vor, legt das Fundament.

Dann löst er sich urplötzlich wieder, spielt sich frei, bricht in rasend schnelle Läufe aus. Wie von selbst fügt sich der raue Ton des Saxofons ein in den impressionistischen Klangraum von Wollnys Piano - selbst bei nachdenklichen Soli.

Gegen Ende des Konzerts kann man in den verschwimmenden Tönen des Klassikers "Round about Midnight" erahnen, dass die Suche nach dem Klang nun ihrem Ende zugeht. Fast. Denn es folgen noch zwei umjubelte Zugaben.

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