Jammerorgie: "Ich verschwende mich"

Mit dem biografischen Monolog "Romy Schneider - Zwei Gesichter einer Frau" hat die Wiener Schauspielerin Chris Pichler am Donnerstagabend das Festival "Monospektakel" am Reutlinger Tonne-Theater eröffnet.

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Als weder politisch noch intellektuell beschreibt sie sich selbst, und wenn man ihren schriftlichen und mündlichen Auslassungen so lauscht, dann meint man fast: alles auch ein wenig belanglos. Romy Schneider hatte sicher ein aufregendes und vielschichtiges Leben, aber was sie da in den von Chris Pichler ausgewählten "Tagebuchaufzeichnungen, Briefen, Telefonaten und Interviews" von sich gibt, reicht inhaltlich kaum zu einem aufregenden Theaterabend.

Chris Pichler versucht es dennoch, schließlich geht es um unser aller Sissi, Inbegriff des Guten, Schönen, Braven, Unschuldigen, der Monarchienostalgie, des Prinzessinnentraums und des ewig Heimatlichen, und damit all dessen, was in den zwangsidyllischen 1950ern und vielleicht auch heute noch teilweise angesagt war und ist.

Später dann Romy Schneiders erfolgreicher Versuch, sich von der Sissi-Rolle zu lösen, anspruchsvollere Filme zu drehen und sich ansonsten mit mehr oder weniger aufregenden Männern und chemischen und alkoholischen Hilfsmittelchen zu verlustieren. Was sie davon aber - schon lange vor dem tragischen Unfalltod ihres Sohnes - alles in ihr Tagebuch schreibt, ist eine ziemlich platte Klischee-Diva-Jammerorgie. So beklagt sie sich ausgiebig über ihr ewiges Sissi-Image in Deutschland, über den hohen Preis, den man für so eine Karriere bezahlen müsse, die Paparazzis, das Älterwerden, das sie aber eigentlich auch nicht interessiert.

Dass sie eigentlich nur leben und lieben wolle, und den damit verbundenen Schmerz aber nicht aushalten kann. Dass man sie aussauge. Und dass sie anspruchsvolle Kunst machen wolle. Aber selbst nicht zu einem einzigen originellen Gedanken fähig ist, zumindest keinem Gedanken, den sie ihrem Tagebuch anvertrauen wollte. Eine klassisch zerrissene und affektierte Diva also, die vor allem als Künstlerin und weniger mit ihren privaten Eskapaden wahrgenommen werden will.

Aber auch Chris Pichler (Text, Regie, Schauspiel) stürzt sich vor allem auf die private, zerbrechliche, sensible und selbstmitleidige Romy, gibt sich aber enorm Mühe, deren Tagebuch-Ich mit all diesen aneinandergereihten Belanglosigkeiten einigermaßen inspiriert und abwechslungsreich zu inszenieren. Dabei setzt Chris Pichler auf eine möglichst authentische, praktisch ironie- und verfremdungsfreie Romy-Selbst-Inszenierung und gibt sie mal als aufgeregte, kindische und schwärmerische Jugendliche, mal als großspurig-lässige Diva, mal als zornige Egomanin, mal als gebrochenes Häuflein Elend mit Weinglas.

Für Tagebuch und Briefe sitzt Pichlers Romy am Tisch, ihre öffentlichen Verlautbarungen tut sie am Mikro kund, hin und wieder äußert sie sich als "andere" Stimme aus dem Off, oder sie sitzt in ihrem Fernsehzimmer, schmaucht ein Nikotinstäbchen und lässt sich live fürs Fernsehen doppeln. Chris Pichler spielt dabei einen betont verruchten Old-School-Filmstar, der in Reise-, Gala- oder Badezimmer-Outfit vor allem sich selbst inszeniert, auch wenn Romy sagt, dass sie sich privat gar nicht spielen könne. Immer wieder kommt sie ins Hobbyphilosophieren, aber leider ohne großes Ergebnis: "Ich verschwende mich!". Sie wolle immer "frei sein", um "neue Gedanken zu denken". Sie sei "ihrer Zeit weit voraus".

Auch über die Schauspielkunst macht sie sich Gedanken: "Wenn das Glück aufhört, fängt das Können an." Romy Schneider, die als lebens- und kunstlustige, sowie verruchte Frau im miefigen Nachkriegsdeutschland nicht besonders gut ankam, hat sich aus diesem Umstand lieber eine Opferrolle zurechtgebastelt, anstand froh zu sein, eben anders zu sein, als man es von einer echten Sissi erwartete.

Sie war eine erfolgreiche, vielseitige, beliebte und mit über 30 Filmen vielbeschäftigte Schauspielerin, dass es zum Mythos reichte. Aber eines war sie mit Sicherheit nicht: eine begnadete Tagebuchschreiberin.

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