Jagdfieber ist geweckt

Das Sortenerhaltungsprojekt für Obstbäume im Kreis tritt in die heiße Phase ein. Die Smartphone-Applikation ist freigeschaltet. Im Obstbaumgarten des Pfullinger Erlenhofs wurde jetzt das Projekt vorgestellt.

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Smartphone-Applikation freigeschaltet (von links: Manfred Wolf, Anna, Paula und deren Vater Sven Hagmaier.  Foto: 

Das Sortenerhaltungsprojekt im Landkreis Reutlingen schreitet zügig voran, denn die Smartphone-Applikation ist freigeschaltet. Jetzt ist es direkt in den Streuobstwiesen jedem angemeldeten Anwender möglich, die ihm bekannten Sortennamen von Obstbäumen jeglicher Art in die Projekt-Datenbank einzuspeisen.

Beim Pressegespräch im zweieinhalb Hektar großen, einst Luis Laiblin gehörenden und heute im Besitz von Verena Förster befindlichen Obstbaumgarten, wurde das Projekt kürzlich vorgestellt. Auf dem Gelände mit seinen aktuell noch 150 Obstbäumen wurde der Anlass für das Sortenerhaltungsprojekt deutlich sichtbar, denn wie auf den Streuobstwiesen überall im Kreis, stehen auch hier überalterte Bäume. So steht hier der wahrscheinlich letzte Vertreter der "Ochsenherzbirne" im Landkreis. Ulrich Schroefel, Fachberater der Grünflächenberatungstelle am Landratsamt, schätzt die Anzahl der Obstsorten weltweit auf 20 000, 2000 bis 3000 seien in unserer Region zu finden. In einem speziellen Sortenerhaltungsgarten bei Pliezhausen weiß er von gesicherten 90 Apfel- und 40 Birnensorten, im Ermstal von 45 Süßkirschensorten.

Mit dem vor zwei Jahren auf den Weg gebrachten Sortenerhaltungsprojekt erhofft man sich, weitere solcher regionaler Besonderheiten aufzuspüren und in der Folge für künftige Generationen retten zu können. "Wir sind auf dem absteigenden Ast, die Obstbäume werden immer weniger, alte Bäume sind abgängig und gehen uns verloren", so Schroefel, der in "den alten Sorten mit ihren besonderen Inhaltsstoffen großes Potenzial, eventuell auch für die Anwendung im Gesundheitsbereich", sieht. Was die Finanzierung des Projekts anbelangt, gibt es "eine Zusage des Ministeriums, der Bewilligungsbescheid liegt allerdings noch nicht vor".

"Das Jagdfieber ist geweckt", so Thilo Tschersich, Projektkoordinator an der Grünflächenberatungsstelle des Landratsamtes. "Wir kommen genau zum richtigen Zeitpunkt, wir legen jetzt los und kartieren. Wir wollen das breite Wissen abrufen, wollen alte Baumwarte und Obst- und Gartenbauvereine befragen." Von "im Bereich Albvorland bis rüber zum Neckar" unverhofft aufgespürten Sorten sollen Reiser entnommen und bei der Sortenerhaltungszentrale in Bavendorf der Veredlung zugeführt werden. Nach "einem langen Prozess", so Schroefel, können dann Jungbäume der geretteten Sorten in der Region angepflanzt werden.

Unter den bislang verschwunden geglaubten Sorten ist die Meldung einer 92-jährigen Engstingerin, die bei sich einen Apfelbaum hat, für den bislang noch kein Name bekannt ist. "Unheimlich frosthart" sei er und "wohlschmeckend". Und auch die Meldung der ausgestorben scheinenden Apfelsorte "Blauschwänzchen" war für die Experten eine große Überraschung.

Nachdem Sascha Arnold von dem am Projekt beteiligten Büro Stadt/Land/Fluss die App vorgestellt hatte, führten Paula und Anna Hagmaier als Bedienerinnen am Smartphone die Kartierung am Beispiel einer über 100 Jahre alten und zirka 20 Meter hohen "Ochsenherzbirne" durch. Unterstützt von ihrem Vater Sven Hagmaier und Manfred Wolf, beides Baumwarte aus Pfullingen, hatten die Teenager "15 Fragen sofort beantwortet, das Bedienen der App war ganz leicht". Ganz im Sinne des Kreisobstbauverbandes (KOV) als Projektinitiator, der hofft, dass diejenigen, die kein Smartphone haben, dafür aber die Sortenkenntnis, "im günstigsten Fall einen jungen Technik-Könner dazuholen".

Die Kartierung läuft zunächst bis Ende der Ernte 2016 und wird dann ausgewertet. Als Ergebnis können die herausgefilterten seltenen Sorten gezielt vermehrt werden und so für den Ersatz auf dem Gütle oder im Obstbau verfügbar gehalten werden. Zur Bestandsaufnahme aufgerufen und sein Wissen mitzuteilen ist jeder, der einen seiner Obstbäume - egal ob Apfel, Birne, Kirsche oder Zwetschge - mit seiner Sorte nicht benennen kann.

Die Möglichkeit dazu gibt es vorerst in den Rathäusern ausliegenden Meldebögen, telefonisch, per Post oder per Eingabe auf der Internetseite www.sortenerhalt.de. Sind die Daten im Landratsamt angekommen, werden Spezialisten die aufgespürten Funde genauer unter die Lupe nehmen.

Das bislang nur den Experten vorbehaltene Eingeben mittels Smartphone per App direkt im Gelände - das soll dann später möglich sein.

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