Ist das Kriemhilds Rache oder was?

Machtkampf, Intrige, Rache, Verblendung und das Leben als Wettstreit: Michael Miensopust nimmt sich die Nibelungen vor und interpretiert Hebbels Sagendrama recht sportlich. Für Zuschauer ab zwölf.

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Speerwurf, Steinweitwurf, Weitsprung: Gunther muss im vormodernen Dreikampf bestehen, um Brunhild von Island zu ergattern. Weil sie aber zu stark ist, kommt ihm Superheld Siegfried mit seiner Tarnkappe zu Hilfe. Die Zuschauer im "Wotan-Stadion" sind begeistert. Die Zuschauer in der LTT-Arena auch, selbst wenn sie dem Wettkampf nicht direkt beiwohnen dürfen. Die spannendsten und heikelsten Szenen - den Krieg, den Wettkampf, die Hochzeitsnacht - gibts in Michael Miensopusts Nibelungen-Version nur per Mauerschau: Andreas Laufer als Herold berichtet live aus dem Wotan-Sport-Tempel, vom Schlachtfeld und vom Ehebett im Stile einer Radio-Live-Reportage oder als exklusive Royal-Klatsch-News. Durch den Erzähler kann man das Hebbelsche Sieben-Stunden-Drama locker auf Herbergers legendäre 90 Minuten kürzen.

Mit einem Mix aus Hebbel-Poesie und neudeutscher Sprache konzentriert man sich ganz auf die Kernstory, mit all ihren archaischen, mythischen, aber auch zeitlosen, lebensweisheitlichen, menschlichen und unmenschlichen Implikationen: Drachentöter Siggi ist Gast am Hofe Gunthers, hilft ihm bei all seinen Kriegs- und Liebeskampagnen und verliebt sich in Gunthers Schwester Kriemhild. Bei der Doppelhochzeit wird mächtig getrickst. Brunhild sieht sich gedemütigt, Hagen führt sich als ihr Rächer auf und trifft Siegfried an seiner einzig schwachen Stelle. Kriemhilds Rachefeldzug wiederum endet in der Familienkatastrophe - nicht schön.

Es geht also heftigst, aber durchaus noch jugendgerecht drüber und drunter. Ausstatterin Vesna Hiltmann stellt dafür eine bluttriefend rote Südkurve auf die Bühne, Stehplätze versteht sich, auf denen die Nibelungen jedesmal durcheinanderpurzeln, wenn Siegfried die Manege betritt, weil er so ein kraftstrotzendes Auftreten hat - einer der vielen Running-Slapstickgags, mit denen Miensopust den urmenschlichen Stoff auflockert. Dimetrio-Giovanni Rupp spielt einen sehr aufgekratzten, kampfeslustigen und dynamischen Supersupersuperhelden, der vielleicht nicht ganz so helle ist, dafür aber überall hilft, wo er kann. Als Tarnkappe benutzt Siggi Drachentöter einen bescheidenen Putzeimer. Nur mit der Romantik hat ers nicht so: Als er seiner angebeteten Kriemhild ein Heiratsantragsblümchen aus dem Gras zupfen will, reißt er gleich die gesamte Botanik aus der Scholle. Aber wo viel Erfolg (und viel Nibelungenschatz), da viel Neid, das wussten schon die frühburgundischen Leistungsträger. Nörgler Hagen (Rupert Hausner) will zwar "nicht negativ rüberkommen", kann es aber trotzdem nicht verputzen, was Siggi für eine Show abzieht. Mit seinen Intrigen schießt er allerdings weit übers Ziel hinaus: Hier ist mal wieder einer vor lauter "Nibelungentreue", Gier und dem ganzen Ehre-Quatsch maßlos verblendet. König Gunther (Henry Braun) wiederum will alles und bekommt alles, ohne einen Finger krumm zu machen. In Krisensituationen offenbart sich allerdings eine gewisse Entscheidungs- und Führungsschwäche, er hat offenbar die Stellenbeschreibung für die Königsposition nicht gelesen.

Brauns Gunther wäre mal besser Supervisor oder Kommunikationsprofi geworden: "Rache kann sich auch gegen sich selbst richten", doziert er sozialpädagogisch, dann bekomme man "Depressionen und psychosomatische Störungen". Romantic-Girl Kriemhild (Magdalena Flade) und Prestige-Schnalle Brunhild (Stefanie Klimkait) wiederum liefern sich einen Zickenkrieg, der jede Bravo-Foto-Story in Sachen Klischee-Vermittlung in den Schatten stellt: "Der Kampf von Mann und Weib" sei "nun auf alle Zeit ausgekämpft", stellt Brunhild fest, als sie in der Hochzeitsnacht vom männlichen Prinzip bezwungen wird und fortan ihre Kraft verliert, beziehungsweise auf dem Altar der Ehe ihre Selbstbestimmung opfert.

Die Nibelungen-Story bietet eben bis heute einen bunten Strauß an Diskussionsstoff, Reibungsfläche und Interpretationsmöglichkeiten. Magdalena Flade wiederum gewinnt durch ihre Heirat mit Super-Siggi an Stärke, Macht und Kreditkartenauswahl: So kanns auch gehen. Aber: "wenig Lust, viel Leid" - die besten Verbindungen bringen nichts, wenn sich das (hausgemachte) Schicksal gegen einen stellt. Und so nimmt das Drama - "Ist das jetzt Kriemhilds Rache oder was?" - seinen Lauf.

Das finale Gemetzel findet in Form einer riesigen, roten Brautschleppe statt, die zu Kaiserwalzer in Moll (Musik: Christian Dähn) die Arena-Stufen herabgleitet: ein toller Effekt in einer spannenden, lustigen, bedeutungsbeladenen, aber natürlich auch leicht selbstironischen Nibelungen-Soap.

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