Irgendwo zwischen Himmel und Erde

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Miek Zwamborn in der Uracher Schlossmühle.  Foto: 

Durchs Wandern atmen wir eine andere Zeit: Zum Abschluss der Ermstäler Literatur- und Kulturtage, die mit dem Thema „Berge“ überschrieben waren, las die niederländische Autorin Miek Zwamborn in der Schlossmühle aus ihrem Roman „Wir sehen uns am Ende der Welt“. Ein Trip in die Geschichte der Schweizer Alpen und in die eigene Vergangenheit.

„Schreiben ist für mich eine körperliche Beobachtung“: So stellt sich Miek Zwamborn dem Publikum in deutscher Sprache vor. Was die aus Amsterdam stammende Autorin mit ausdrucksvollen Worten liest, ist manchmal philosophisch, manchmal witzig, meistens sehr gedankenvoll. Sie erzählt die Geschichte ihres Freundes Jens, der bei einer gemeinsamen Wanderung spurlos verschwindet.

Bei der Suche nach ihm wandert sie seine Lieblingsorte und Routen an den Hängen des Berges Tödis ab, überwindet „ein Mosaik aus Gletschern, Geröll, Moränen und Stauseen“ und stößt dabei auf die Arbeiten des bekannten Alpengeologen Albert Heim (1879 bis 1937).

Dessen Anspruch, aus den Gesteinsschichten der Gebirge die Geschichte der Menschheit herauszulesen, nimmt sie auf, um Spuren ihres verschwundenen Freundes freizulegen: „Ich wollte herausfinden, ob ich über die Bewegung in der Natur von einer Figur zu einer anderen durchstoßen kann“, sagt die 1974 in Südholland geborene Autorin.

Sie beginnt sich an die gemeinsamen Wandertouren mit Jens zu erinnern, beschäftigt sich immer intensiver mit Gletschern, Gesteinsschichten und Schriftstücken, die über die wundersame Berglandschaft der Schweizer Alpen erzählen, und dringt ein in die wissenschaftlichen Studien des Geologen Albert Heim. Dabei gelingt es ihr, einen großen Vorrat an Geschichten und beeindruckenden Bildern in gekonnter Dosierung einzusetzen.

Der Roman, der bereits 2012 auf Holländisch erschien und nun in einer Übersetzung von Bettina Bach auf Deutsch veröffentlicht wurde, ist eine detailgenaue Vermessung und Beschreibung der Schweizer Alpen und gleichzeitig eine lakonische Meditation über die Überwindung des Verlustes eines geliebten Menschen.

Miek Zwamborn nimmt die rund 40 Zuhörer mit auf philosophische Ausflüge in die Welt enthusiastischer Extremwanderer und eines begnadeten Forschers, der die Theorie vertrat, dass sich die Erde mit den Jahrtausenden ganz langsam auskühlt und zusammenzieht, quasi „schrumpft wie ein vertrockneter Apfel“.

Zwamborns Texte sind Fenster zu einer Welt, in der wissenschaftliches Gedankengut ebenso Platz findet wie eindringliche Beschreibungen über die Liebe zu den Bergen: „Das Antlitz der Erde verändert sich ständig. Im Meer der Zeit nimmt alles ein Ende. Eines Tages hatten sich die Alpen nach oben gehoben.“

Nicht jeder Gedanke der Autorin ist sofort nachvollziehbar, doch Zwamborn versteht es, ihr Publikum mit gedankenvollen Wortspielen über die karge Lebensweise des Unterwegsseins zu berühren. Zum einen erweist sie sich als genaue Beobachterin, zum anderen besitzt sie reichlich Humor, der sie teilweise zu ungewöhnlichen Assoziationen treibt.

Die Erzählung ist voller Bruchflächen und Farben, sie ist gleichnishaft, eindeutig in der Sprache und ausdrucksstark in ihrer Wirkung. Dabei überlässt sie sich gerne einer Rhetorik, die manchmal wie disziplinierte Esoterik wirkt. Ansonsten besitzt die mit alten Alpen-Bildern und Heims Studien illustrierte Erzählung einen präzisen Sprachrhythmus, der die Antwort auf Fragen zu sein scheint, die beim Zuhörer unaufhörlich entstehen.

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