Integration erfordert Geduld

Begrüßungsbesuch: OB Barbara Bosch hat gestern in der ersten städtischen Sammelunterkunft in der Ypern-Kaserne syrische Flüchtlinge besucht. Im Gepäck: Obst, ein Gutscheinheft und Spätzle als Landesspezialität.

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Ob Barbara Bosch begrüßte, unterstützt durch Dolmetscher Dr. Mekhail Fanous, die ersten syrischen Flüchtlinge in der Ypern-Kaserne.  Foto: 

Die ersten 27 Flüchtlinge aus Syrien haben ihr Quartier in der städtischen Sammelunterkunft im Gebäude 40 in der Ypern-Kaserne bezogen, insgesamt ist dort in den oberen beiden Stockwerken Platz für 65 Menschen. Zunächst war der Landkreis für die syrischen Flüchtlinge im Wege der Erstunterbringung zuständig, sie waren im Alten Lager in Münsingen untergebracht. Nach der Anerkennung ihres Flüchtlingsstatus kommen sie nun in die so genannte Anschlussunterbringung. Zuständig sind dafür die Gemeinden.

"Reutlingen soll für sie eine Heimat werden", sagte Bosch mit Unterstützung von Dr. Mekhail Fanous aus dem ehrenamtlichen Dolmetscherpool, "aber ich kann mir gut vorstellen, dass viele neue Dinge auf sie einstürmen". Um hier Fuß zu fassen, sei auf der einen Seite die Hilfe und Unterstützung der Stadt erforderlich, so Bosch. Als begleitende Betreuung stehen den Syrern Hausmeister Volker Bormann, der seit einem Monat im Einsatz ist, sowie ab Januar der Sozialarbeiter Mohammed Benyayha zur Seite. Zu tun gibt es viel, denn der Übergang in den Status eines anerkannten Flüchtlings ist mit bürokratischem Aufwand verbunden. So wechseln sie in die Zuständigkeit des Jobcenters, brauchen einen Pass, ein Konto und das Thema Familiennachzug steht gegebenenfalls auf der Agenda. Geprüft wird, inwieweit die Möglichkeit zu arbeiten besteht oder die Fortsetzung einer Ausbildung beziehungsweise des Studiums.

Auf der anderen Seite sei die Bereitschaft, sich auf die hiesigen Sitten und Gebräuche einzulassen und sie zu verstehen eine wichtige Voraussetzung dafür, auch tatsächlich anzukommen. Das bedeute aber nicht, die eigenen Wurzeln zu vergessen. "Syrien ist ein Land mit einer jahrtausendealten Kultur, vor der wir uns tief verneigen", sagte Bosch. Der Weg zur Integration in die neue Heimat erfordere viel Geduld.

Im Gepäck hatte Bosch Früchte, die sie mit Blick auf Äpfel und Birnen zu einem Hinweis auf die Bedeutung des Streuobstanbaus in der Region nutzte, das Reutlinger Gutscheinheft sowie Spätzle als schwäbische Spezialform von Nudeln. "Vergessen Sie das Salz nicht im Kochwasser", empfahl sie und verwies obendrein auf die landestypische Sitte: "Die Hausfrauen hier machen die Spätzle selbst". Aber die Stadt habe den Kurs im Spätzle schaben zugunsten des Sprachunterrichts zurückgestellt. Den erhalten die Flüchtlinge künftig drei Mal wöchentlich als freiwillige städtische Leistung, erklärte Stefan Milles, der bei der Stadt die Unterbringung von Flüchtlingen koordiniert.

Die Stadt hat von Mai bis Oktober in den beiden oberen Stockwerken in dem 1936 errichteten Kasernenblock Zimmer, Toiletten und Duschen sowie Küchen eingerichtet. Insgesamt stehen dort jedem Bewohner zehn Quadratmeter zur Verfügung und damit deutlich mehr als der Kreis im Erdgeschoss zur Verfügung stellen kann. Dort freilich sind die Aufenthaltszeiten auch kürzer. Die unterschiedlichen Zuständigkeiten sind nicht auf den ersten Blick nachvollziehbar. "Wir sind noch vier Syrer im unteren Stock und würden gerne zu unseren Landsleuten hochziehen", richtete ein junger Mann als Wunsch an Bosch. Doch die Rathauschefin hat für eine Verlegung natürlich keine Handhabe. Ein Familienvater wiederum bat Bosch um Unterstützung bei der Zusammenführung mit seiner Familie, die bereits in Deutschland ist. Das Problem in diesem Fall: Frau und Kinder sind in einem anderen Bundesland, bis die Zusammenführung umgesetzt werden kann, ist Geduld erforderlich, erläuterte Milles. Noch mehr Sorgen müssen sich jene Familienväter machen, die berichteten, dass sie Frau und Kinder in Damaskus beziehungsweise Aleppo zurückgelassen haben. Ob es Verschärfungen geben werde?, lautete eine besorgte Frage. Hier konnte Bosch nur auf die aktuelle politische Diskussion zum Familiennachzug verweisen.

Die beiden oberen Stockwerke wurden von der Stadt mit einem Gesamtaufwand von 813 000 Euro für die Aufnahme der Flüchtlinge vorbereitet. An den beiden Frontseiten wurden Fluchtreppen installiert. Für jeweils acht Menschen gibt es einen Herd, die Kühlschränke befinden sich in den Zimmern, erklärte Peter Geier, Leiter des städtischen Gebäudemanagements. "Das gibt weniger Auseinandersetzungen", lobte Bosch. Letztlich sieht das städtische Konzept vor, Menschen gleicher Herkunftsländer gemeinsam unterzubringen. "Das ist natürlich nicht immer möglich", schränkte die Rathauschefin ein. Im Gebäude ist von 17 bis 8 Uhr ein Security-Mann anwesend, tagsüber ist der Hausmeister Ansprechpartner - zum Beispiel auch für Nachbarn.

Bosch betonte, dass die Kosten für die Betreuung durch den Hausmeister oder Sozialarbeiter nicht gegenfinanziert sind. "Der Bund hat die Herausforderungen der Anschlussunterbringung noch nicht begriffen", kritisierte sie. Der Aufwand für Gemeinschaftsunterkünfte sei höher und nicht mit den Kosten für die Unterkunft nach Hartz IV oder dem Sozialgesetzbuch II abgegolten - wegen des zusätzlichen Personals und weil die Aufstellung von Wohncontainern deutlich teurer sei als günstiger Wohnraum. Jetzt wird mit dem Kreis über die Aufteilung der Finanzierung verhandelt.

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