In Silvesterlaune

Wenn die Junge Sinfonie zum Silvesterkonzert einlädt, platzt selbst die Listhalle aus allen Nähten. Zwei herausragende Solisten und eine gelungene Silvester-Überraschung bildeten diesmal die Hauptattraktionen.

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Sie wippen mit, die Musiker der Jungen Sinfonie - beim Silvesterkonzert in der Listhalle. Foto: Susanne Eckstein

Die Junge Sinfonie kann noch so abgefahrene Programme zusammenstellen, zum Silvesterkonzert füllt sie mühelos die Listhalle. Das nicht-kommerzielle, selbstverwaltete Orchester nutzt seinen Spielraum, um Neues zu erkunden. Auch diesmal mussten sich die Besucher neu einhören, und dies ganz ohne Werkeinführung, auf die (leider) wieder verzichtet wurde.

Dabei geht das Orchester unter Rainer M. Schmids kundiger Leitung offenbar den Partituren akribisch auf den Grund, was der Musik - auch wenn sie nicht ganz so perfekt ausgeführt wird wie bei den meisten Profis - mehr Tiefenschärfe verleiht. Etwa Leonard Bernsteins Ouvertüre zu dem Musical "Candide". Die wurde zwar langsamer genommen als üblich, doch waren so mehr Details vernehmbar, und die dem Stück innewohnenden Fliehkräfte hatten keine Chance, das Orchester vom Kurs abzubringen. Die Widersprüche lösten sich glücklich in der Melodie, die Candides Sehnsucht nach einer besseren Welt in sich trägt.

Die beiden Gastsolisten - Stipendiaten der Reutlinger Christel-Guthörle-Stiftung, die auch die Junge Sinfonie unterstützt - boten ebenfalls eher Unbekanntes, faszinierten jedoch durch großes Können. Zunächst der Posaunist Max Eisenhut, der sich als Solist in dem Posaunenkonzert von Nino Rota als souveräner Bändiger nicht nur eines ungelenken Instruments, sondern auch einer spröden Materie erwies.

So eingängig Nino Rotas Filmmusiken wirken, so schwergängig zeigte sich dieses Werk. Max Eisenhut meisterte es mit geschmeidigem, sensibel geformtem Ton und viel Einfühlungsvermögen, aufmerksam assistiert vom Orchester.

Nach dem flotten Komödianten-Galopp von Kabalewski als Zwischenspiel präsentierte Kai Strobel, ein junger, doch mittlerweile begehrter Marimbaphon-Solist, ein Gegenstück zu Rotas Werk aus dem Jahr 1966: Emmanuel Séjournés Konzert für Marimba und Streicher aus dem Jahr 2006.

Fragte man sich noch, wie das Schlaginstrument wohl zu dem seidigen Streicherteppich passen würde, zauberte Kai Strobel schon ganze Welten aus den Stäben: Hölzernes Klöppeln wurde zu warmem Wohlklang, virtuos tremolierend ließ er fast körperlose Töne von atemberaubender Schönheit über dem Streicherpart schweben. So romantisch kann neue Musik sein! Der flotte zweite Satz bot Jazz-Episoden mit origineller Rhythmik und Metrik, präzise und mitreißend gestaltet.

Große sinfonische Besetzung verlangte danach wieder Tschaikowskys Ouvertüre "Das Gewitter", die mit Drohen und Dräuen, erhöhtem Spannungslevel und Theaterdonner aufwartete. Eine Art Böller-Sinfonie zu Silvester? Eigentlich nicht, sondern eine genialisch gelöste Kompositions-Hausaufgabe des Studenten Pjotr Iljitsch, der damit ein tragisches Bühnenstück illustrierte - für das Orchester ist dies eine willkommene Gelegenheit, lustvoll die klangkoloristischen Finessen auszumalen und immer wieder Spannungskurven bis zum präzise krachenden Donnerschlag aufzubauen.

So richtig zum Schwelgen eignete sich diese Musik nicht; den süffigen Genuss gab es danach als Silvester-Dreingabe samt roten Nasen, Hut und Brille: Walzer und Polka à la Wiener Neujahrskonzert, knallende Sektkorken im Orchester, Radetzkymarsch zum Mitklatschen, rotierende Celli und den Komödiantengalopp, zu dem nun die Geigerinnen im Stehen lustig mitwippten, angetrieben vom Dirigenten. Jubel, Ovationen - ein gelungener Jahresschluss.

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