In der Shisha glimmt der Bratapfel

Mehr als zehn Shisha-Bars gibt es in der Stadt. Während andere Kneipen mit Gästeschwund zu kämpfen haben, wächst die Lust auf die Wasserpfeife. Für das Phänomen gibt es wohl verschiedene Gründe.

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Es qualmt ordentlich, wenn man die Tür zur "Diamonds Lounge" in der Metzgerstraße öffnet. Doch kein beißender Tabakgeruch schlägt einem entgegen. Vielmehr sind es fruchtige Aromen, die durch den Gastraum wabern.

Bereits am späten Nachmittag haben sich Shisha-Liebhaber eingefunden. Zwei Anzugträger Ende 20 sitzen entspannt auf einem Sofa, ziehen abwechselnd an der Wasserpfeife und unterhalten sich angeregt. Handwerker kommen noch in ihrer Arbeitskluft herein und bestellen nach einem Blick auf die Karte eines dieser zunächst seltsam anmutenden Aromen.

Banane, Orange, Kiwi oder Guave steht da nämlich. Der Preis pro Sorte: neun Euro. Doch während manche noch über der Auswahl an rauchbarem und aromatisiertem Tabak brüten, weiß der Inhaber und Betreiber der "Diamonds Lounge", Felix Amann, dass das Angebot seiner Shisha-Bar nicht zu den teuersten zählt. Auch wenn er viel Wert auf ausgefallene, exquisite und letztlich exklusive Tabake lege.

Dass Felix Amann Chef und Inhaber der "Diamonds Lounge" ist, ist dem 21-Jährigen dabei kaum anzumerken. Denn obwohl sonst nur ordentlich angezogen und im Hemd gearbeitet werde, ist er an diesem Nachmittag mit roter Baseballmütze, Schlabberpulli und Schlabberhose in seiner Lounge unterwegs und genießt die noch ruhige Zeit am Nachmittag. Denn wenn gegen später der Laden rappelvoll und kaum mehr ein Durchkommen sei, bleibe auch keine Zeit für einen Plausch.

Nachmittags hat er die allerdings und sagt mit Blick auf die wachsende Zahl der Shisha-Bars: "Es ist ein absoluter Trend." Und Reutlingen sei da inzwischen nicht nur bekannt, auch die zuständigen Ämter hätten sich auf die Antragsteller gut eingestellt und das Prozedere mit einer eigenen Rubrik unglaublich vereinfacht. In anderen Städten sei das längst nicht so.

Dass er für die Renovierung und den notwendigen Umbau seines jetzigen Geschäfts einen gut fünfstelligen Betrag in die Hand nehmen musste, beunruhigt ihn dabei nicht. Obwohl er dafür unter anderem sein schmuckes Auto verkaufen musste, brummt die Lounge seit der Eröffnung Ende Oktober und lässt Amann gleichsam ein wenig verwundert, erleichtert und glücklich dreinblicken. Denn: "Ich hätte nicht gedacht, dass es derart durch die Decke schießt."

Für die jüngste Shisha-Bar der Innenstadt musste Amann beim Bodenbelag sowie beim Mobiliar verschärfte Brandschutzbestimmungen erfüllen. Die notwendige Be- und Entlüftungsanlage war zum Glück bereits im Ladenlokal eingebaut. Nach gut anderthalb Monaten Betrieb ist der 21-Jährige durchweg froh über seine Entscheidung zum Quereinstieg. Nach Mittlerer Reife, Berufskolleg, Bankausbildung und Festanstellung habe er für die Lounge nämlich nicht nur seinen sicheren Job gekündigt, vor allem seine Eltern seien zunächst doch beunruhigt gewesen. "Nur die sind zwischenzeitlich auch froh, dass ich es gemacht habe", meinte Amann. Sein Vater sei mittlerweile sogar richtig stolz auf ihn.

Dabei ist der Jungunternehmer kein Neuling in der Szene. Bevor er sich selbstständig gemacht hat, arbeitete er jahrelang nebenher in einer anderen Reutlinger Shisha-Bar. Dort konnte er die Wünsche der Kunden kennen lernen und studieren, wie der Betrieb funktioniert.

Dass Amanns Laden jetzt hervorragend läuft, liegt trotzdem nicht nur daran, dass er erst vor kurzem eröffnet wurde. Vielmehr hat sich der gelernte Bankkaufmann Gedanken um sein eigenes Konzept gemacht, wollte weg vom sonst oft üblichen orientalischen Style und eine Lounge aufmachen, die das Wasserpfeiferauchen in modernem und angesagtem Ambiente ermöglicht.

Während nun die Wasserpfeifen blubbern und die Holzkohlestückchen auf den Shishaköpfen glimmen, weiß Felix Amann, dass er mit seinem Laden einen Nerv getroffen hat. Trotz der aus Brandschutzgründen spartanischen Einrichtung gibt es hier nämlich nicht das für Kneipen oft typische Bierdunst-Ambiente. "Wir haben sicherlich einen Frauenanteil von 70 Prozent", meinte er weiter.

Gründe dafür seien seiner Meinung nach, dass Alkohol anders als in Diskos eine vollkommen untergeordnete Rolle spiele. Entsprechend würden die Gäste nicht aus der Rolle fallen und Frauen nicht mit blöden Sprüchen angemacht. Außerdem könnten sich die Gäste bei angemessener Musiklautstärke unterhalten, was in einer Disko ebenfalls nicht möglich sei.

"Wenn man hierherkommt, ist es immer ein Event", erklärte Amann den Trend zur Wasserpfeife. Mit seinen rund 75 angebotenen Geschmacksrichtungen biete er zudem weit mehr Tabake als andere Bars. Neben den üblichen Aromen gebe es deshalb ausgefallene Sorten wie Bratapfel oder Red Margherita, die gut ankommen würden.

"Chillen, quatschen" - das sei es eben, was gefragt sei, so der 21-Jährige. Und an einer Shisha könnten mehrere Gäste gleichzeitig und rund anderthalb Stunden rauchen. Seine Meinung deshalb: "Es ist ein absolut krisensicheres Geschäft."

Dieser Meinung scheinen übrigens auch Banken zu sein. Während manches Geldhaus für den Ersteinkauf wohl schon 25.000 Euro Kredit zur Verfügung gestellt haben soll, plante Amann mit einem Kompagnon die Eröffnung einer Shisha-Lounge in Tübingen. Zu deren Realisierung hätte ihm ein Geldinstitut sogar einen sechsstelligen Betrag in Aussicht gestellt. Gescheitert sei das Konzept hingegen an den Verantwortlichen der Neckarstadt, weil die laut Amann vielleicht gar keine Shisha-Bars haben wollen.

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