Im Wartesaal der Liebe

Ein Lächeln, das man hören kann: Sophie Hunger, zurzeit der spannendste Singer-Songwriter-Export der Schweiz, gab vor 600 begeisterten Fans ein hinreißendes Konzert im ausverkauften franz.K.

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Mal Indierock-Göre, mal naive Unschuld: Die Schweizer Singer-Songwriterin Sophie Hunger beeindruckte mit ihrer Vielseitigkeit im ausverkauften franz.K. Foto: Jürgen Spieß

Sie kann machen, was sie will, das Publikum liegt ihr zu Füßen. Ein Sturm der Sympathie fegt am Samstagabend durch das franz.K, als Emilie Welti, die 30-jährige Diplomatentochter aus Bern auf Einladung des Jazzclub "Mitte" die Bühne betritt. Sich grußlos ans Klavier setzt, in rotes Licht getaucht und mit "Rererevolution" ein bisschen straßenkämpferisches Aufbegehren in den Saal hineinstrahlt.

Später wird noch wuchtiger formuliertes Leiden an der eigenen Generation folgen. Sophie Hungers sympathische Weigerung, nur um des Dazugehörens willen irgendwo dazuzugehören, kontrastiert auf der Bühne mit ihrer Fähigkeit, jenseits überkommener Live-Rituale Momente von großer Innigkeit und Verbundenheit herzustellen. Beeindruckend auch ihre Stimme und ihre Vielseitigkeit: Sie singt auf Schwyzerdütsch, Französisch und Englisch, macht mal auf Indierock-Göre, mal auf naive Unschuld, wechselt von der Gitarre zum Klavier und zurück zur Mundharmonika.

Schließlich versammelt sie die Band im Halbkreis um sich, um ganz leise auf Schwyzerdütsch "ZLied vor Freiheitsstatue" anzustimmen. Oder sie lässt ihre Lieder aus dem Wartesaal der Liebe berichten, wo als überwältigende Geste ein "Walzer für Niemand" getanzt wird. Immer wieder zweifelt sie an sich selbst: "How much do we share, how much do I really care?", fragt Hunger sich und uns in "Can You See Me?". Sie mag darauf beharren, dass ihre Songs weit über dem bloß Autobiografischen stehen, dass das Universelle kaum im Persönlichen zu finden sei. Und lässt es doch immer wieder anrührend aufblitzen - ihre Verletzlichkeit.

"Ihr seid sehr warmherzig", hat sie dem Publikum nach dem dritten Lied zur Begrüßung bescheinigt. Um dann erst wieder zu reden, als sie ihre Band ausführlich vorstellt: Pianist Alexis Anérilles, der später zum Flügelhorn und zur Trompete greift, dazu ein melodisch interessierter Drummer (Alberto Malo), ein Bassist (Simon Gerber), der auch mal Klarinette oder ein Rock-Gitarrensolo spielt, eine Cellistin (Sara Oswald), die zuweilen zu Minimoog und Glockenspiel wechselt. Erst die großartige Band macht all die Widerhaken des Abends möglich. So kann Hunger immer mal wieder ein- und abtauchen in den mal dichten, mal weit aufgefächerten Ensembleklang. Nur um sich dann strahlend wieder daraus zu erheben, mit dieser Stimme, die sich eher über ihr klares Timbre als über gewagte Technik definiert.

Im Gegensatz zu ihrem Konzert 2010 an selber Stelle ist ihre Musik lauter, rockiger, extrovertierter geworden. Am intensivsten ist ihr Auftritt, wenn sie sich ganz auf ihre Stimme konzentriert. Wenn sie sich ihrem Klavier zuwendet und leise ein französisches Chanson oder das melancholische "Die Fahrenda" mit ihrer Band a-cappella intoniert. "Time is passing", singt Hunger die letzte Zeile, schaut dann hinaus ins Weite, hinein in eine kurze, irritierende Stille. Kurz scheint die Zeit zu gefrieren. Was ein wundervolles Ende gewesen wäre für das Konzert einer Künstlerin, die stets die Frage umtreibt, was bleiben kann, darf, soll, muss, wenn sich alles verändert. Wenn "Freiheit sich plötzlich wie das neue Gefängnis anfühlt".

Aber das begeisterte Publikum gibt sich mit sechs Zugaben längst nicht zufrieden und lässt gern noch ein bisschen die donnernde Rocklady über sich ergehen. Erwartungen? Sophie Hunger ist eine Meisterin darin, diesen nicht gerecht zu werden, sondern sich immer wieder neu zu definieren.

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