Im Rausch der Gewalt

Was tun, wenn junge Erwachsene gewalttätig werden? Wegsperren ist keine langfristige Lösung. Der Anti-Gewalt-Trainer Dirk Briddigkeit versucht, solche Menschen wieder auf den rechten Weg zu führen.

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Eine gewisse Gewaltbereitschaft schlummert in uns allen. Der Reutlinger Diplomsozialpädagoge und ehemaliger Polizeibeamte Dirk Briddigkeit ist überzeugt davon, dass jeder im Ernstfall zum Mörder werden kann. Etwa die Mutter eines Kindes, dem Leid zugefügt werde. Aber nicht jeder könne auch Lust an der Gewalt finden. Das sei ein krankhafter Zug. Eine Art Genuss stellt es für diese Straßengewalttäter dar, auf andere einzuschlagen. Reviergrenzen, das Ranking in der Gruppe und die Außendarstellung spielten dabei eine Rolle. Endorphine sorgen für eine Art Glücksrausch. Fast wie ein Orgasmus sei es für sie, so Briddigkeit.

Oft werde die Tat danach verharmlost. Umschreibungen wie zum Beispiel, "dem hab ich eine reingehauen" benutzt, bei Schlägereien mit lebensgefährlichen Verletzungen als Folge. Solche Menschen ziehen manchmal bewaffnet los, nur um Konflikte zu suchen.

Beim so genannten "Blickfick" versuchen sie etwa in einer Diskothek alleine durch Blickkontakt zu provozieren. Da dürfe man sich nicht in der Opferrolle ertappen lassen. Auf das Bauchgefühl hören, Abstand gewinnen und die Körperbehaltung bewahren, rät Briddigkeit in solchen Situation. "Wenn es jemand darauf anlegt, gibt es kaum noch ein Entkommen", warnt er. Käme es dann wirklich zur Handgreiflichkeit, habe man in der Regel keine Chance mehr sich zu wehren. Viele der Täter sind kampfsporterfahren. "Da bekommt man direkt beim ersten Schlag noch im Flug einen Blackout", erklärt Briddigkeit.

Auch in seinem Training habe es Kippmomente gegeben. Wenn Täter aufstehen, eine bestimmte Gesichtsfarbe und einen Tunnelblick annehmen, zeigt das Briddigkeit: Jetzt wird es schwierig. Runterkühlen lautet dann die Devise. Die Sicherheit zu wissen, was genau zu tun sei, sei der Gegenspieler von Angst. Sie dürfe nie dominieren, so Briddigkeit über seinen Umgang mit solchen Situationen.

In Gesprächen in Stuhlkreisen von fünf bis acht Personen, Traumreisen, Ausflügen in den Hochseilgarten oder zu einem Tatort sowie einem Brief an das Opfer sollen Täter lernen, wieder sich selbst zu spüren und sich in das Opfer hineinzufühlen.

In einer Potenzialanalyse schauen sie, was sie eigentlich können und was sie bereit sind, für ihre Freiheit zu geben. Beim Aggrometer beschreiben Täter ihr Aggressionslevel in einem bestimmten Zeitraum. So kann auf die Ursachen und Verhaltensmuster geschaut werden. Nicht zu gesprächslastig dürfe es sein. Denn manche könnten nicht so lange reden und kämen dann an ihre Grenzen bis hin zum Austicken, so Briddigkeit.

Gründe für die Gewaltbereitschaft lassen sich häufig in der Biografie finden. Oft seien die Probleme in der Kindheit verwurzelt. Bei in Deutschland aufgewachsenen Jugendlichen seien vermehrt schon die Väter gewalttätig gewesen. Leute aus Kriegsgebieten seien besonders schwierige Fälle. Sie hätten ganz andere Dimensionen von Gewalt erlebt, die außerhalb unserer Lebenswelt liegen würden.

"Darauf darf man sich aber nicht ausruhen", warnt er eindringlich. Die volkstümliche Annahme, dass Schläger eigentlich ein geringes Selbstbewusstsein haben, könne er nicht bestätigen. "Ich habe sie eher als selbstbewusst erlebt", unterstreicht der Trainer.

Bei Jugendlichen, die das Ganze nur als Spiel sähen, gebe es freilich kaum Aussichten auf eine Einsicht. Dasselbe gelte übrigens auch für Suchttäter. Wer in der organisierten Kriminalität unterwegs ist, den nimmt der Anti-Gewalt-Trainer erst gar nicht in seine Kurse auf. Bessere Chancen bestünden, wenn der Täter ein intaktes, wohlwollendes Umfeld habe.

Der Druck, alles zu verlieren - Frau, Haus, Familie oder Job - sei ein großer Ansporn. Maximal zwei Durchläufe erlaubt Dirk Briddigkeit. Die Basis ist, dass sich die Teilnehmer an die Hausaufgaben und das enge Regelwerk halten. Ungefähr 15 Prozent schafften es überhaupt nur bis zum Kursende. Ein bis fünf Prozent davon würden danach wieder straffällig.

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