Im Geist von Leistung und Perfektion

Viel Beifall und Jubel für die jungen Solisten und den Chor: Die Reihe "Reutlingen vokal" bot erneut Bachs Weihnachtsoratorium mit dem Knabenchor capella vocalis unter Leitung von Christian Bonath.

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Offenbar geht der Trend bei den Weihnachts- und Silvesterkonzerten zur Wiederholung des Vorjahresprogramms. So entsteht ein Traditions-Ritual, das aufs Bewährte setzt und Neuerungen ausklammert. "Nimm doch den Text vom letzten Jahr", rät so mancher der Berichterstatterin, "man braucht ja nur ein, zwei Namen auszutauschen".

Im Grunde haben sie recht: Als Mitwirkende waren wieder der Knabenchor capella vocalis mit etwa 70 Sängern sowie eine kleine Besetzung der Württembergischen Philharmonie Reutlingen im großen Saal der Stadthalle dabei. Ein weiteres Mal standen die beiden Knabensolisten Til Krupop (Sopran) und Jan Jerlitschka (Alt) vorn auf der Bühne; nur ihre erwachsenen "Kollegen" waren andere als 2013: Sebastian Hübner (Tenor), der schon vielfach hier und anderswo als souveräner Oratorien-Evangelist und Solist überzeugt hat, annähernd gleichwertig assistiert von Thomas Scharr (Bass). Die Leitung hatte Christian Bonath, der abermals seinen vielfach fliegenden Wechsel zwischen gestenreichem Dirigat und Begleitung an der Truhenorgel vollführte. Neu war lediglich die Anfügung der sechsten an die drei ersten Kantaten, die in Tonart und königlichem Duktus an die erste anknüpft.

Auch der Stil der Aufführung bot wenig Neues. Konzertante und chorische Brillanz, kultivierte Routine, im Tempo eher eilig als meditativ. Wer miterleben und in die Tiefe der christlichen Weihnachtsbotschaft eintauchen möchte, hört dieses Oratorium besser in einer kirchlichen Aufführung. Hier im gut besuchten großen Saal war ein Festkonzert mit Technik-Ästhetik zu erleben: Der Lack glänzt, der Motor schnurrt, die Komponenten harmonieren, gelenkt wird das Ganze im Geist von Perfektion und Leistung. Anhalten, Innehalten, Nachspüren würde den Schnitt vermasseln; am Straßenrand stehen die Zuschauer, bewundern und applaudieren.

Die Qualität erwies sich erneut als beachtlich: Die jungen Choristen waren mit blitzsauberer Singtechnik und hellwachem Zusammenwirken bei der Sache, auch die professionellen Instrumentalisten ließen nichts zu wünschen übrig, die Solotrompeten hielten dieses Mal feinfühlig die Klangbalance zum Ensemble. Christian Bonaths Spezialisierung auf Alte Musik kam hier weniger zum Tragen: Die WPR-Musiker pflegen - ihrer Aufgabe gemäß - eher glatte Klangkultur als barocke Artikulation oder Affektgestaltung, auch wenn (erneut) eine Continuogruppe mit Stephen Blaich am Cembalo dabei war.

Die Stimmen der beiden Knabensolisten Til Krupop und Jan Jerlitschka haben an Sicherheit und Tragfähigkeit gewonnen. Jan Jerlitschka entwickelt eine sensible Ausdruckskraft, die berühren kann. Der von ihm wunderbar nuancenreich vorgetragenen Arie "Schließe mein Herze" in der 3. Kantate folgte gebannte Stille im Saal, ein rares Phänomen bei dieser temporeichen Darbietung, in der gerade die Choräle wie im Zeitraffer durcheilt wurden. Ein weiterer Ruhepunkt stellte sich am Ende der 2. Kantate mit dem ausnahmsweise in angemessenem Tempo vorgetragenen Choral "Wir singen dir in deinem Heer" ein - in den Kirchen Gelegenheit, das Gehörte in der Stille nachklingen zu lassen, bei dieser Aufführung Anlass für den Dirigenten, sich umgehend mit der Ankündigung der Pause ans Publikum zu wenden und damit erst den Beifall für den ersten Teil auszulösen. Der Schlussapplaus nach dem zweiten Teil belohnte alle Mitwirkenden mit anhaltendem Jubel.

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