Ich kann das nicht für mich behalten

Wenn Irmtraud Betz-Wischnath am 31. Juli ihren letzten Arbeitstag hat, wird sie 31 Jahre und sieben Monate in Diensten des Landkreises gestanden haben. Die Kreisarchivarin gehört damit fast schon zum Inventar.

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Irmtraud Betz-Wischnath mit der Anleitung für Archivpfleger aus den 50ern. Die meisten süddeutschen Gemeindearchive wurden nach dessen Vorgaben angelegt und bildeten so ab den 80er Jahren die Basis für die Kreisarchive.  Foto: 

Irmtraud Betz-Wischnath, seit Palmsonntag 65-jährig, kann mit Fug und Recht sagen, die Erste und bislang Einzige ihrer Art im Landkreis Reutlingen zu sein. Vor ihrem Amtsantritt am 1. Januar 1984 in der Bismarckstraße 16 gab es noch kein Kreisarchiv im heutigen Sinn. Verwaltungsakten der unteren Verwaltungsbehörde lagerten in der Altregistratur, für hoheitliche Unterlagen war das Staatsarchiv in Sigmaringen zuständig.

Die eigentliche Archivarbeit leisteten bis dahin in den Gemeinden die Archiv-Pfleger, meist Alt-Bürgermeister oder Lehrer im Ruhestand, vom Landkreis honoriert. Sie orientierten sich bei ihrer Arbeit am Standardwerk aus den 50ern. "Die Archivpflege in den Kreisen und Gemeinden", Lehrgangsbericht und "Hilfsbuch" war die Bibel der Archivpfleger, nach denen die Materialien erfasst, ausgezeichnet und in "Findbüchern" aufgelistet wurden. "Fast alle württembergischen Archive sind nach diesem Schema sortiert, damit kann man schon einigermaßen arbeiten", urteilt die Profi-Frau über die Basisarbeit der Amateure.

Sie hat ihr Handwerk von der Pike auf, aber etwas mäandernd, gelernt. Die gebürtige Reutlingerin Irmtraud Betz - den bodenständigen Nachnamen behielt sie im Doppelnamen nicht zuletzt deshalb, weil er dem Gegenüber vor Ort signalisiert, "die isch von do" - wuchs nach dem Umzug der Eltern in Horb auf und ging dort zunächst aufs Fürstabt-Gerbert-Gymnasium.

Zurück unter der Achalm, machte sie 1969 am Isolde-Kurz-Gymnasium Abitur mit modernen Fremdsprachen und - natürlich - Latein. Es schloss sich - Reutlingen war damals eine Hochburg - ein Realschullehrer-Studium an der Pädagogischen Hochschule mit den Fächern Geschichte und Deutsch an.

Doch mit dem ersten Abschlussexamen zum Lehramt an Realschulen in der Tasche sagte Irmtraud Betz 1972: "Des langt jetzt noch net!" und schrieb sich an der Uni Tübingen in Geschichte und Germanistik ein. 1976 hatte sie das erste Staatsexamen in Geschichte und Germanistik für das Lehramt an Gymnasien in der Tasche - und blieb weiter an der Uni. Bei Prof. Ernst Walter Zeeden (1918-2011), einem der bedeutendsten Tübinger Hochschullehrer der Nachkriegszeit, wurde die damals 27-Jährige wissenschaftliche Hilfskraft.

Als Mitarbeiterin im ersten Sonderforschungsprojekt der Uni Tübingen und einem der ersten der Deutschen Forschungsgemeinschaft zum Thema "Spätmittelalter und Reformation" "hab' ich viel gelernt", erzählt Betz-Wischnath. Zum Beispiel Paläographie, die Lehre von den alten Schriften.

Im Projektbereich "Konfessionsbildung in Territorien" gab es viel Arbeit vor Ort, da wurden Archive in ganz Deutschland aufgesucht und Visitationsakten aus der Zeit von 1550 bis 1700 ausgewertet. Für zweieinhalb Jahre wurde sie nach Freiburg geschickt, wo sich Betz-Wischnath ein Zimmer nahm und "nebenher noch ein bissle Landesgeschichte an der Uni hörte".

Ein Stipendium nutzte die Historikerin 1980, um aus der Auswertung der Visitationsakten ihre Doktorarbeit zu schreiben. Das Rigorosum, die "strenge" Abschlussprüfung zur Erlangung eines akademischen Grades, bestand sie, doch das "schöne Buch", das sie als Teil zwei der Promotion verfertigten wollte, wartet bis heute auf Vollendung.

Dafür stand 1981 die nächste große Hürde an: die Aufnahme ins Referendariat für den höheren Archivdienst am Hauptstaatsarchiv Stuttgart und am Institut für Archivwissenschaft in Marburg. Nur fünf Plätze gab es hier, entsprechend schwer war das Auswahlverfahren, "hier reinzukommen, war das größte Glück", erinnert sich Betz-Wischnath an die entscheidende Weichenstellung in den Wunschberuf. Sie hatte anfangs des Studiums noch überlegt, Kunstgeschichte oder Archäologie zu wählen, "doch dann wurde es Geschichte".

Die schriftliche Überlieferung und die Bücher, das ist ihr Ding, "das hat mir immer gefallen, aber Bibliothekarin wollte ich nicht werden". Der Schwerpunkt Mittelhochdeutsch im Studium bildet ein weiteres Mosaiksteinchen zum Verständnis des früher Geschriebenen.

Das Referendariat im sehr überschaubaren Personenkreis brachte nicht nur die höheren Weihen in Sachen Archivwissenschaft, sondern bescherte Irmtraud Betz auch den Partner fürs Leben: Mitreferendar Dr. Johannes Michael Wischnath aus Kurhessen-Waldeck wurde später ihr Ehemann, so wie sich aus dem kleinen Kreis der Archivare noch ein zweites Pärchen fand. Dr. Wischnath leitete bis 31. März das Tübinger Universitätsarchiv, das verständlicherweise mit dem Reutlinger Kreisarchiv einen fruchtbaren Austausch pflegte. Er ist zum 1. April seiner Frau schon mal in den Ruhestand vorausgegangen.

Noch 1983, während der Marburger Zeit, machten sich die Referendare auf Jobsuche, qualifizierte Stellen waren rar. Und so kam es, dass sich noch zwei der Marburger Gruppe - neben vier weiteren Kandidaten - auf die neu geschaffene Reutlinger Stelle bewarben. Die Wahl des Kreistags unter Landrat Gerhard Müller ist bekannt. Mittlerweile hat das Kreisarchiv neun Mitarbeiter, darunter vier Fachkräfte, einige von ihnen in Teilzeit.

Auf die Frage "Was braucht eine Archivarin unbedingt?" zögert Irmtraud Betz-Wischnath kaum: "Durchhaltevermögen und Beharrlichkeit, und man muss na'standa könna", sagt sie aus Erfahrung. Anfangs waren nicht alle Bürgermeister von ihrem Tun überzeugt, doch das hat sich längst geändert, und die Archivarbeit wird geschätzt.

Das berufliche Lebenswerk von Irmtraud Betz-Wischnath hat ungeahnte Ausmaße angenommen. "Wenn's jetzt wärmer wird, hol' ich das letzte Ortsteilarchiv rein", soll heißen, dann ist das schriftliche Vermächtnis aller Orte im Kreis zusammengetragen und im wesentlichen erschlossen. Dazu wird das Material gesichtet und erfasst. Titel und eine Inhaltsangabe der Dokumente werden nicht mehr, wie früher, in "Findbüchern" festgehalten, sondern sind per EDV leichter zu durchforsten. Per "Retrokonversion" (Rückverwandlung) werden auch die alten analogen Listen digital erfasst und kommen mit Suchfunktion ins Internet, wo sie Nutzern aus aller Welt zur Verfügung stehen.

Rund 3,5 Kilometer Material lagern im Kreisarchiv Bismarckstraße 16 und in den vier Außenmagazinen. Das Hauptaugenmerk gilt dem Erhalt der Substanz und dem Schutz vor Verfall, "das haben wir im Griff", versichert Betz-Wischnath. Dreimal pro Woche kontrollieren Mitarbeiter die Räume und leeren die Luftentfeuchter.

Zu intensiv indes, sagt Betz-Wischnath, darf man sich mit der Sichtung und Erfassung der Papierberge nicht befassen, "sonst wird man nicht fertig". Schon gar nicht werden die Dokumente eingescannt, denn auch elektronische Speichermedien sind nur begrenzt haltbar. Am zukunftsträchtigsten, so die Expertin, sind Mikrofilme, die kann man immer auslesen.

Besonders wertvolle Archivalien kommen zum Spezialisten, wo die Papiere aufwendig stabilisiert, angefasert und neu gebunden werden. Wegen des begrenzten Etats verzichtet man darauf bei einfachen Werken. "Ich freue mich einfach über das, was erhalten ist, und denke nicht an all' das viele Archivgut, das einfach zerstört ist."

Dass Betz-Wischnath auch ein Händchen für Kunst hat, zahlt sich für den Kreis zudem seit fünf Jahren aus. Sie hat, was sie das "Sahnehäubchen" nennt, die Verantwortung für die umfangreiche Sammlung des Kreises - einst vom kunstsinnigen Landrat Dr. Edgar Wais begonnen - von Kulturamtsleiter Franz Tesch bei dessen Pensionierung übernommen. Und ist nun, oft außerhalb der Dienstzeit, auf Vernissagen und Auktionen unterwegs, um im Benehmen mit Landrat Thomas Reumann mit den knapper werdenden Mitteln der OEW-Ausschüttung Kunstwerke anzukaufen. (Der Landkreis ist einer der Anteilseigner der Oberschwäbischen Elektrizitätswerke, die 46,75 Prozent der EnBW-Anteile besitzen.)

Auch die kulturhistorische Bibliothek des Kreises, ebenfalls von Landrat Wais angelegt, pflegt und erweitert Betz-Wischnath, ist hier immer auf der Suche nach Raritäten regionaler historischer Literatur.

Dass Archivarbeit nicht nur trockene Materie ist, sondern sehr viel mit Menschen zu tun hat, wird bei den Schilderungen Betz-Wischnaths schnell deutlich. Eine ihrer Anekdoten: Bei der Sanierung des Trochtelfinger Schlosses fanden Arbeiter bei Abbrucharbeiten ein kleines Päckle in einem Hohlraum und der Bürgermeister rief die Kreisarchivarin hinzu. Im mehrfach gefalteten "Schwäbischen Merkur" fand sie ein kleines gefaltetes Papier mit mehreren Namen und dem Datum von 1871. "Hier hatten sich die Handwerker verewigt, die damals den Durchgang zur Kirche zugemauert haben - diese Geschichte ist viel spannender, als wenn wir etwa eine Münze gefunden hätten", sagt Betz-Wischnath. Für sie ist klar: "Im Archiv steckt nicht nur Geschichte, da stecken Geschichten drin!"

Diesen Geschichten will sie sich auch in Zukunft widmen, denn "das kann ich nicht für mich behalten, das muss ich weitergeben". Viele Aufsätze hat die zweite Vorsitzende des Reutlinger Geschichtsvereins für Fachblätter und Publikationen verfasst. Momentan ist sie mit den Abschlussarbeiten für das Buch "Kleindenkmale im Landkreis Reutlingen" beschäftigt. Auch als Referentin ist die Historikerin sehr gefragt und erzählt gerne.

Ab August will sie sich dann ihrem privaten Archiv widmen, "da warten tausende von Dias von Reisen", erzählt der Nordland-Fan. Sie will noch nach Island und möchte die Hurtigruten im Winter mitfahren. Und "draußen bewegen" will sich die in Pfullingen wohnende ebenfalls. Mit ihrem Mann hat sie auf ausdehnten Mehrtagestouren schon "jeden Zentimeter zwischen Isny und Eisenach" erwandert.

Die begeisterte Sängerin (in der Kantorei der Kreuzkirche) will sich auch verstärkt ihrer Leidenschaft Kochen widmen: "Kochen und Singen sind kreative Tätigkeiten, die einen großen Vorteil haben - es bleiben keine Reste, die man archivieren müsste. Man kann einfach genießen", sagt sie schmunzelnd.

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