Hunde brauchen Kontakt

Gassigeher-Schulung im Tierheim: Sätze wie "die Leine ist die Verbindung zwischen Mensch und Hund, die sollte positiv sein", kommen Hundetrainerin Susanne Widmaier leicht über die Lippen.

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An der Leine rumreißen oder mit aller Kraft dagegenhalten, um zu zeigen, wer hier der "Chef" ist, ist völlig out! Der Leinenruck geht beim Hund auf Wirbelsäule und Kehlkopf und ist sehr unangenehm. Wer im Tierheim den "Gassigeher"-Schein macht, bekommt das zu spüren: Zu zweit an der langen Leine. Der eine spielt den Hund, der andere den Gassigeher. Und tatsächlich: Es nervt, ohne Vorwarnung einen heftigen Ruck zu spüren. Aufmerksam ist "Mensch an der Leine", wenn er direkt angesprochen wird. Nur dabei stehen, während sich der am anderen Leinenende angeregt mit einem fremden Menschen unterhält ist "doof". Schließlich hat Hund seine eigenen Interessen: Am Wegrand schnuppern und pinkeln zum Beispiel. Deshalb geht's doch nach draußen.

Wer im größten Stress bei der Arbeit oder Zuhause mit drei temperamentvollen Kindern schon mal versucht hat, sich auf eine Aufgabe zu konzentrieren, weiß, dass da gerne mal die Sicherung durchbrennt. Ein gestresster Hund, der von der Seite angekläfft wird, mit jemandem mitgehen soll, den er gar nicht kennt, dem geht es vielleicht ähnlich. "Auslauf haben die im Tierheim genug", sagt Susanne Widmaier, "beim Gassigehen geht es darum, dass der Hund zur Ruhe kommt, andere Eindrücke und Reize erfährt". Manchmal, rät die Trainerin, sei es besser, sich auf eine Bank zu setzen und mit melodiöser Stimme mit dem Tier zu reden, Vertrauen aufzubauen, bis der Vierbeiner von selbst auf einen zukommt.

Das Verhalten der Tiere im Tierheim und außerhalb unterscheidet sich generell. Da ist Verantwortungsbewusstsein gefragt. Gut möglich, dass ein Tier gar nicht vor die Tür will, weil es draußen regnet, im Sommer viel zu heiß ist oder einfach die Chemie zwischen "Nanni" und Hund nicht stimmt. Bei Tieren unterschiedlicher Herkunft kann es länger dauern, bis überhaupt eine Reaktion auf den Gassigeher erfolgt. Nachgebende Paraden an der Leine wie beim Pferd, schnalzen, für Freiwilligkeit kurz loben, schauen wo das Tier gekrault werden mag und beim ersten Kontakt vorsichtig und respektvoll sein, sind die groben Richtlinien. Sich über einen unbekannten Hund beugen und am Kopf kraulen, wird vom Tier oft als Angriff aufgefasst. Was beim eigenen Hund extrem wichtig ist - der Blickkontakt - wird als Fixieren wahrgenommen. Wer zum aufgeregten Bellen eines Hundes dazukläfft, feuert nur zusätzlich an.

"Hunde sind Individuen, jeder hat seinen eigenen Charakter", mahnt Widmaier, "sie reagieren gut auf Zeigen. Wer Hundeerfahrung hat, sollte daran denken, dass man mit einem fremden Hund anders umgehen muss. Wer keine hat, lässt sich einfach neu darauf ein". Wichtig ist für die Trainerin, dass die Tiere unterwegs nicht dressiert werden: "Stellen sie sich vor, das Kind eines Verwandten ist zu Besuch und Sie fangen an, es nach ihren eigenen Regeln zu erziehen. Das wollen wir hier auch nicht."

Hunde brauchen die Kommunikation mit dem Menschen. Im Tierheim kümmern sich je nach Jahreszeit drei Hundepflegerinnen um 35 bis 55 Tiere. Widmaier: "Die Hunde hängen extrem an 'ihren' Pflegerinnen, aber denen fehlt die Zeit, jedem genügend menschliche Zuwendung zu geben." Über ehrenamtliche Gassigeher und Hunde-Paten sollen die Tiere bis zu ihrer Vermittlung regelmäßig nach draußen kommen. "Eigens dafür haben die Pflegerinnen die Gassigeher-Schulung entwickelt, damit wir die Tiere guten Gewissens an fremde Menschen abgeben können, die dann auch mehr Spaß am Ausgang haben. Und durch die regelmäßig ausgebuchten Kurse geht die Zahl der Beißunfälle und die der ausgebüchsten Hunde fast gegen Null."

Mindestalter für die Teilnahme an der Gassigeherschulung ist versicherungstechnisch 16 Jahre. Niedersachsen hat den großen "Hundeführerschein" für alle Tierhalter längst zur Pflicht gemacht. Beim Gassigeher-Schein im Tierheim geht es nicht nur darum, den Spaziergang für den Vierbeiner und seinen Menschenfreund angenehm zu gestalten. "Er gibt auch die Richtung vor, wie es der Tierschutzverein gerne hätte", betont Susanne Widmaier.

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