Hohe Präsenz zeigt Wirkung

Mit rund 1000 Einsatzkräften aus dem ganzen Land hat die Polizei am Samstag das Fußballspiel des SSV Reutlingen gegen den KSC begleitet. Konsequent wurde das Aufeindertreffen der Fangruppen verhindert.

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    Bereitschaftspolizei beobachtete den Personenverkehr am Reutlinger Hauptbahnhof. Foto: 
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    Von Bereitschaftspolizisten eskortiert marschieren die KSC-Fans ins Stadion. Foto: 
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Unauffällig geht anders. Bereits am frühen Nachmittag macht sich im Stadtgebiet eine merkwürdige Gespanntheit breit angesichts der zahllosen Polizeifahrzeuge. Ein großer Teil des Freibadparkplatz ist gesperrt, in der Bahnhofstraße steht ein Dutzend Transporter, überall in der Innenstadt finden sich Fahrzeuge. Aus dem ganzen Land kommen die Uniformierten, „mit eigenen Kräften wäre das nicht zu leisten“, sagt Christian Wörner. Er sitzt als Ansprechpartner für die Presse bis spät in die Nacht im Präsidium. Die eigentliche Einsatzzentrale befindet sich im Stadion in einer umfunktionierten Pressetribüne. Hier laufen alle Informationen der einzelnen Trupps zusammen, auch mit den Kollegen in Karlsruhe stehen Einsatzleiter Ralf Keppler und sein Team in Verbindung.

Die Polizei operiert mit fünf- bis sechsköpfigen Gruppen als kleinster Einheit in voller Montur. Auffallend viele junge Frauen darunter. Und auch die jungen Leute, die im Freizeitlook in Bermudas wie beiläufig die Szenerie mustern, sind durch den Knopf im Ohr als Einsatzkräfte auszumachen. Sie haben das bessere Los gezogen bei 35 Grad. Die Uniformmontur ist absolut schweißdicht, verrät einer der Beamten: „Da drin schwitzt man auch im Winter.“ Die volle Ausrüstung mit Kunststoffprotektoren, Waffengürtel, Helm und Weste bringt gut zehn Kilo auf die Waage. Immer wieder machen die Polizisten Pause, öffnen ihre Kluft, ruhen ein wenig aus.

Im Hauptbahnhof steht ihnen dazu ein zum Glück kühler Aufenthaltsraum zur Verfügung. Toilettenbenutzung in der Bahnhofskneipe „ist geklärt“, sagt der Truppführer. Die Verkäuferinnen in den Bahnhofsläden sind angesichts der Polizeipräsenz beruhigt. Und die Beamten kurbeln beim Bäcker und im Tabak- und Presse-Shop auch noch den Umsatz an.

Rund 2500 friedliche Fans reisen aus Karlsruhe an. Gut 250 weitere stuft die Polizei als problematisch ein. Einige von ihnen kommen mit dem Zug. Eintreffende Ultras, zumeist in schwarzen Shirts oder mit bloßem Oberkörper bekennende Tatoos zu Schau stellend, ziehen in Gruppen, begleitet von uniformierten und zivilen Beamten, zum Marktplatz. Die ersten 100 sind schon zum Mittag dort, bis am Nachmittag haben sich dort rund 300 Karlsruher versammelt, bevölkern friedlich Alexandre und Irish Pub. Später, als sie weitergezogen waren, sagt der Mitarbeiter des Cafés beim Zusammenfegen: „Keine größeren Schäden zu beklagen. Die waren anständig, da haben wir echt schon Schlimmeres erlebt!“

Dass hier durchaus Konfliktpotenzial vorhanden ist, zeigt sich, als ein Dutzend Ermstäler SSV-Problemfans das Alexandre betreten will und KSC-Fans auf sie zustürmen. „Eine tätliche Auseinandersetzung konnte durch das konsequente Einschreiten der Einsatzkräfte verhindert werden. Die Provokateure erhielten einen Platzverweis“, meldet der Polizeisprecher.

Ruhig und geordnet geht es auch auf dem Parkplatz des ehemaligen Praktiker-Markts im Mark West zu. Hierher wurde das Gros der KSC-Fans von der Polizei gelotst, von hier werden die Gäste mit RSV-Bussen zum Kreuzeiche-Stadion gefahren. Zwei Anhänger der Mannschaft aus der Fächerstadt nehmen es sportlich, dass sie nicht unmittelbar beim Stadion parken können. Denn: „In der zweiten Liga haben wir uns bei zehn von 17 Auswärtsspielen daran gewöhnt." Außerdem sei der Service praktisch, wenn man sich in einer Stadt nicht auskenne und von einem gut erreichbaren Platz zum Stadion gebracht werde.

Weil die Lage auf dem Praktiker-Parkplatz entspannt ist, sind es auch die Einsatzkräfte dort. Zumal gewaltbereite Fans ohnehin nicht die vom Gegner empfohlenen Parkplätze ansteuern würden, so ein Beamter hinter vorgehaltener Hand.

Etwas rauer gestaltete sich hingegen der geordnete Marsch der rund 300 KSC-Fans, die von Grazer Freunden unterstützt wurden, von der Innenstadt in Richtung Kreuzeiche. Von zahlreichen Polizisten eskortiert und von zwei Dutzend Transportern verfolgt, feiern sie auf dem Weg durch die Alteburgstraße vor allem sich selbst und geben sich martialisch. Ein Reutlinger Schüler, der mit ein paar Kumpels auf die Gruppe stößt, ruft zunächst noch lauthals „SSV“, wird dann aber schnell still, als er erkennt, welche Art Supporter da unterwegs ist. Ein Zusammentreffen mit den etwa 115 Szene-E-Leuten vor dem Stadion kann die Polizei verhindern.

„Am Stadion wurde einem KSC-Fan, der einen Schal zur Vermummung mitgeführt hatte, nicht nur der Zugang verwehrt, er wurde auf richterliche Anordnung bis zum Endes des Spiels in Gewahrsam genommen. Sonst kam es dann zu keinen größeren Vorkommnissen mehr, sodass das Spiel pünktlich um 20.30 Uhr beginnen konnte“, heißt es im Polizeibericht.

Während des Spiels wurde aus einem Block der Reutlinger ein Feuerwerkskörper aufs Spielfeld geworfen. Das Spiel musste aber nicht unterbrochen werden. Nach Spielende leerte sich das Stadion rasch, berichtet der Polizeisprecher. Und weiter: „Etwa 250 KSC-Anhänger versuchten, an der Absperrung vorbei in die Innenstadt zu drängen, was durch die Einsatzkräfte aber unterbunden werden konnte. Nach Gesprächen mit der Polizei stiegen sie in die bereitgestellten Shuttle-Busse ein.

In der Rommelsbacher Straße konnte eine möglicherweise geplante tätliche Auseinandersetzung verhindert werden. Einige der in Shuttlebussen auf den Parkplatz in der Föhrstraße gebrachten KSC-Fans haben sich von dort zu Fuß in Richtung Römerschanze begeben, wo sich bereits eine Gruppe von SSV-Anhängern befand. Durch Polizeikräfte konnte ein Aufeinandertreffen der verfeindeten Gruppierungen verhindert werden. Im Bereich einer Schule wurden dabei sechs Personen der Reutlinger Fanszene kontrolliert. Sie führten Handschuhe und Vermummungsmaterial mit sich. Bei der Kontrolle leistet eine Person Widerstand und wurde vorläufig festgenommen.“

Das Fazit der Polizei lautet am Ende dennoch: „Das Konzept der hohen Präsenz ist aufgegangen!“

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