Hilfe, wenn alles wegbricht

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Angenehm wohnlich ist der Tagestreff in der Reutlinger Aulberstraße, wie interessierte Bürger am Dienstag bei einem Rundgang durch die Räume und Häuser der AWO erfahren konnten.  Foto: 

Was tun, wenn die Not riesig groß ist, wenn Arbeit, Partner, Wohnung weg sind? Wenn die psychische Belastung überhandnimmt? Wenn man auf der Straße steht und wirklich niemand mehr interessiert, was mit einem selbst geschieht? Genau dann wird die Notübernachtung in der Glaserstraße zum letzten Strohhalm, zu einer Unterkunft, die trotz alledem Zuflucht und sogar Gemeinschaft bietet. „Es gibt wirklich Klienten, die wollen hier gar nicht mehr weg“, berichtete Heike Hein als hauptamtliche Mitarbeiterin der Arbeiterwohlfahrt am Dienstag bei einem Rundgang durch die AWO-Einrichtungen in der Innenstadt.

„Vor 30 Jahren kamen die Leute und waren am nächsten Tag wieder weg, weil sie in jeder Stadt nur für einen Tag Geld vom Sozialamt erhielten“, erinnerte sich Gert Auer, der seit 31 Jahren bei der AWO als Fachkraft arbeitet. „Die Personen, die hier übernachten, haben sich verändert, viele haben heute sowohl psychische als auch Suchtprobleme und sind in den Facheinrichtungen kaum unterzubringen“, sagte Hein. Aber: Wenn möglich, werden die Klienten in die gut vernetzten Hilfestellen in der Stadt vermittelt. Die 16 Betten (darunter vier für Frauen) in der AWO-Notunterkunft sind fast immer belegt, „wer die steilen Treppen raufkommt, darf über Nacht bleiben“, schmunzelte Auer. Alkohol ist in der Unterkunft verboten, doch manche Klienten kommen schon angetrunken.

„Man muss hier schon robust hinstehen können“, sind sich Sylvia Bird und Carlo Schmid einig, die beide immer mal wieder im Tag- oder im Nachtdienst in der Glaserstraße anwesend sind. Aber: „Ich liebe diese Tätigkeit“, betonte Schmid. Bis 21 Uhr gibt’s für die Gäste was zu essen, antialkoholische Getränke bis 22 Uhr, um 23 Uhr soll Nachtruhe sein, „denn um kurz vor 7 wird wieder geweckt“, sagte Bird. Gemeinsam wird gefrühstückt. Duschen und Waschen im Haus ist möglich. Und wenn die Klienten nicht gleich aufstehen wollen, „dann ist das doch wie zuhause“, sagte Sebastian Weigle als AWO-Vorstand. „Das sind ganz normale Menschen hier“, betonte auch Carlo Schmid. Wenn dann um 11 Uhr die Notübernachtung Glaserstraße geschlossen wird, müssen alle das Haus verlassen haben. Fast nahtlos können die Nutzer dann in den Tagestreff in der Aulberstraße übergehen. Der öffnet um 12 Uhr, für 2,50 Euro gibt’s ein günstiges Mittagessen, dort können die Gäste auch duschen und Wäsche waschen. Aber, so betont Michael Kopp als ehrenamtlicher Helfer: „Es kommen nur wenige Leute aus der Glaserstraße hierher.“

Eva Sutter kann als Sozialarbeiterin im Tagestreff auf ein Team von 15 Ehrenamtlichen bauen. Auch dort steckt ganz viel Herzblut drin, wie Kopp als ehemaliger Lehrer verdeutlicht: „Als ich in Rente ging, habe ich mich ehrenamtlich hier eingebracht und bin nun seit neun Jahren dabei.“ Willkommen sei hier jeder Gast, viele kämen nicht etwa, weil sie wohnungslos seien, sondern, weil sie die Gemeinschaft suchen. Jeden Werktag seien 20 bis 25 Personen in der wohnlichen Stube, wie Julia Schäfer sagte, die eigentlich zuständig ist für das Elisabeth-Zundel-Haus in der Färberstraße. Dort ist nicht nur die AWO-Fachberatungsstelle für Frauen zu finden, sondern ebenfalls fünf Aufnahmeplätze in Einzelzimmern, in denen die Gäste durchschnittlich 4,5 Monate bleiben. Im zweiten Stock wurden in dem Gebäude zwei Appartements untergebracht, in denen Frauen bis zu zwei Jahre wohnen können.

Die Zahl der Zufluchtsuchenden ist laut Schäfer in den zurückliegenden Jahren drastisch angestiegen: Waren es 2005 rund 50 Frauen, die von Wohnungslosigkeit betroffen waren, zeigte die Statistik 2016 mehr als 230 Klientinnen der AWO. Es gibt eine Warteliste für die Zimmer und Appartements, „was uns wirklich Sorge macht, ist der große Anteil von rund 30 Prozent junger Frauen, die zwischen 18 und 24 Jahre alt sind“, betonte Julia Schäfer. „Die bräuchten nämlich andere Unterstützungsangebote“, um ihnen Perspektiven für ihr weiteres Leben aufzeigen zu können.

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