Herr Minister in der Tonne

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Das neue Tonne-Stück – „Adieu, Herr Minister“ von Jordi Galceran – ist in der Spielstätte Planie 22 zu sehen. Foto: pr/Tonne  Foto: 

Wenn Betrüger betrogen werden. Karin Eppler inszeniert die Polit-Satire-Krimi-Komödie „Adieu, Herr Minister“ über die Gemeinsamkeiten von Politikern und Kriminellen.

In diesem Stück des katalanischen Autors treffen schon am Anfang Not und Elend aufeinander: Carsten Lusch war bis vor kurzem noch Energieminister, musste aber wegen eines Korruptionsskandals abtreten.Jetzt ist er sehr sehr einsam.

Hausiererin Sonja Trappe wiederum muss einen gewalttätigen und arbeitsscheuen Mann sowie ihren pflegebedürftigen Vater zuhause versorgen. Gerade als Lusch sich die Kugel geben will, kreuzt sie bei ihm auf, um ihre Gasflammenschutzkappen anzupreisen. Es kommt zum Austausch von Selbstmitleidigkeiten.

Des Weiteren tauchen auf: eine Edelprostituierte, ein Berufskiller, der Papa im Rollstuhl. Und wie das in einer Krimi-Komödie so ist: Nichts ist so, wie es scheint, jeder gaukelt jedem was vor, jeder will jeden übers Ohr hauen. Irgendwann werden Pistolen gezückt, und es geht um Leben und Tod. Und Liebe. Und Geld.

Das neueste Theaterstück des katalanischen Autors Jordi Galceran ist eine Mischung aus Politsatire, Krimi, Intrigantenstadl, Betrugs- und Täuschungsklamotte und Sittengemälde. Mit einer schlichten Botschaft: Man weiß nicht genau, wo die größeren Verbrecher und Blender unterwegs sind – in der Politik oder in kriminellen Kreisen. Von der Wirtschafts-, Journalisten- oder Juristenbranche mal ganz abgesehen.

Regisseurin Karin Eppler verpflanzt das spanische Boulevardstück problemlos in unser sauberes Ländle und spickt es mit lokalkolorierten Gags und Videos. Allerdings nimmt die Komödie einen sehr langen Anlauf, bis sie in Schwung kommt und zu ihren tricky Kurven und Wendungen ansetzt. Oder ist das Ensemble noch nicht so richtig eingespielt?

Filmische Einspieler

Jedenfalls fehlt es anfangs ein wenig an Tempo und Flow. Kann aber auch an den etwas unspritzigen Dialogen liegen. Catchy sind aber auf jeden Fall die filmischen Einspieler (Dreh und Schnitt: Sandra Omlor): Thomas B. Hoffmann fährt darin als Voll­blutpolitiker mit Skandal und seinem „Anwalt“ am Hacken (Thomas Lambeck, Vorsitzender des Tonne-Theater-Vereins und im echten Leben ebenfalls Rechtsanwalt) immer wieder und ganz in echt durch Reutlingen: Wahlkämpferisch posiert er auf dem Marktplatz, hält enthusiastische Reden im Rathaus, eilt wichtig-wichtig durch Gericht oder Polizei – immer auf der Flucht vor den sensationsgierigen Medien.

Später schlendert er mit seiner neuen Frau durch eine Rathaus-Ausstellung. Eine tolle Regie-Idee. Thomas B. Hoffmann wirkt dabei ganz authentisch und sieht auch noch ein bisschen aus wie Obama auf seiner Abschiedstournee. Privat verfällt sein Carsten Lusch zwar immer wieder in den typischen Politikersprech, ist aber ansonsten ganz menschlich. Beziehungsweise männlich: schwerst wehleidig und aus Hang zum Pathos und Drama immer eine Knarre griffbereit. Aufgrund seiner frisch entflammten Leidenschaft ist er extremst anfällig für die Tricks und Täuschungsmanöver der anderen Kriminellen.

Im Gegenzug für ein paar staatliche Aufträge kam er recht günstig an ein Energiesparhaus. Ausstatterin Vesna Hiltmann hat es für die Planie-Bühne gestaltet: hohe, kahle Wände, moderne Einrichtung und viel Sicherheits­technik. Die hilft natürlich nichts, wenn man dem Verbrechen eigenhändig die Tür öffnet. Andererseits: darf man Menschen, die es mit der Ehrlichkeit und den Gesetzen nicht ganz so eng sehen, ebenfalls ausnehmen wie eine Weihnachtsgans? Oder geht dann global die Moral flöten?

Martina Guse spielt die undurchschaubare Sonja, die sich zwar todesmutig vor den Minister wirft, als eine Pistole auf ihn zielt, aber alles andere als ein frommes Lieschen ist. Chrysi Taoussanis wiederum zeigt sich als kesse Edelprostituierte recht wehrhaft: Kaum sind ein paar provozierende Worte gewechselt, werden auch schon die Waffen gezückt. Ja kann man selbst nicht mehr den Prostituierten trauen? Oder den Pflegefällen?

Gauner aus Leidenschaft

Thomas Klees als Sonjas Vater Max markiert den Opa im Endstadium. Er sitzt im Rollstuhl, schaut recht debil aus der Wäsche, sabbert und ist unzufrieden mit seiner Rolle. Robert Atzlinger wiederum spielt den Marko: einen Gauner aus Leidenschaft, dem es als Killer aber ein klein wenig an Coolness fehlt. Vielleicht, weil er gar kein Killer ist?

Robert Atzlinger jedenfalls hat auch die (Gitarren-)Musik zum Stück komponiert und eingespielt. Und drischt im übrigen als Gauner die gleichen inhaltsleeren Phrasen von Verantwortung, Verlässlichkeit und Berufsethos wie der Politiker.

Aber in Zeiten von Online-Banking, Steuerparadiesen, Stiftungen und anderen virtuellen Geldverstecken ist es eben auch alles andere als einfach, als normaler Dieb ans Geld der Reichen zu kommen. Da muss man sich schon was einfallen lassen.

Stück „Adieu, Herr Minister“ von Jordi Galceran – Planie 22. Dauer: 2 Stunden, 15 Minuten, inkl. Pause.

Autor Jordi Galceran, Jahrgang 1964, lebt in seiner Geburtsstadt Barcelona. Zwei seiner mittlerweile rund zehn Theaterstücke wurden bereits verfilmt.

Weitere Termine 24., 26., 30. November, 2., 3., 9., 10., 13., 14., 16., 17., 18., 26., 30., 31. Dezember, 12., 13., 14., 15. Januar, jeweils 20 Uhr.
Außer am 26. November, 10. Dezember und 14. Januar: Da ist der Beginn schon jeweils 18 Uhr. Am 15. Januar: 17 Uhr. An Silvester zwei Vorstellungen: 17 Uhr und 20.30 Uhr.

Geheimtipp 26. November, 20.30Uhr.
Werkstattgespräch 14. Januar, 20.30 Uhr.

Karten ☎ (0 71 21) 937 70 oder online auf www.theater-reutlingen.de. kk

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