Helmut Gundert : Wenn wir so weitermachen, brauchen wir zwei Planeten

Aufgewachsen in Sumatra, ein Leben auf vier Kontinenten geführt, in sechs Berufen tätig gewesen: Helmut Gundert stellte dieser Tage bei Osiander seine Autobiografie vor und forderte ein Umdenken aller.

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Dr. Helmut Gundert neben einer Aufnahme des Teefeldes seines Vaters auf Sumatra. Foto: Mareike Manzke

"Es geht auf keinen Fall so weiter, wenn es so weiter geht", zitierte der 86-jährige Dr. Helmut Gundert Erich Kästner bei der Lesung seines Buches "Mein widerständiges Leben. Erinnerungen eines Aktivisten". Organisiert wurde diese im Rahmen der Veranstaltungsreihe "Keiner isst allein" des Arbeitskreises Gentechnikfreies Metzingen, von Osiander und dem Publik-Forum. Weil apokalyptische Krisenszenarien wie Stürme, Meeresspiegelanstieg und Klimaerwärmung in der Regel nur achselzuckend hingenommen würden, habe er für seine Enkel aufgeschrieben, warum er sein Leben - im Gegensatz dazu - geändert habe, erklärte Gundert seinen rund 60 Zuhörern. "Wenn wir so weitermachen, benötigen wir 2030 zwei Planeten, um unseren Bedarf an Nahrung, Wasser und Energie zu decken", warnte er.

Wie er zu seinen Einsichten kam, führte er biografisch aus. Gundert wuchs auf Sumatra auf, wo sein Vater eine Teepflanzung unterhielt. Oft habe er dort mit den ansässigen Kindern gespielt und sich nie als fremd gefühlt. Daher habe er auch später der Hetze gegen Asylbewerber sehr ablehnend gegenüber gestanden. Sein Mitgefühl mit ihnen ging sogar so weit, dass er und seine Ehefrau später kurzerhand einen Asylanten aus Kambodscha in ihr eigenes Haus aufnahmen.

Kurz vor Beginn des Zweiten Weltkriegs kehrte seine Familie nach Deutschland zurück. In der Marine sah er den Untergang der "Wilhelm Gustloff", bei dem 10 000 Flüchtlingen aus Ostpreußen qualvoll ertranken. "Da habe ich gelernt, was Krieg ist und warum man dagegen sein muss", betonte er.

Nach Kriegsende studierte er Landwirtschaft und wurde anschließend Verwalter einer Farm in Namibia. Wegen der "menschenverachtenden Apartheitpolitik" wollte er dorthin nach seiner Promotion allerdings nicht mehr zurückkehren. Während einer Anstellung als landwirtschaftlicher Sachverständiger bei der Gasversorgung Süddeutschland nahm er an der Erstellung eines Gutachtens über ein Entwicklungsprojekt in Indonesien teil und lernte so "Brot für die Welt" - seinen späteren Arbeitegeber - kennen. Auf seinen fast 30 Dienstreisen für die Organisation nach Asien, Afrika und Lateinamerika habe er gesehen, dass sich etwas ändern müsse. Hunger und Armut habe er dort erlebt. Im Kontrast dazu würden dort auf riesigen Flächen Futtermittel nur für unser Vieh angebaut. 30 Prozent unserer Nahrungsmittel landeten im Müll und würden neuerdings auch zur Spritherstellung verwendet. "Heute geht es uns so gut, dass wir uns nicht vorstellen können, wie schlimm Hunger wirklich ist", klagt er an. Eine absolut notwendige gesellschaftliche Einsicht für den Wandel von Werten und Lebensstilen forderte er als einzig richtige Lösung ein.

Auch im Ruhestand engagierte sich Gundert weiter. Mit 60 Jahren wurde er Geschäftsführer des gerade gegründeten Landesverbands von Bioland. Er kämpfte gegen Gentechnik in Nürtingen, setzte sich für die Friedenbewegung ein und kam darüber zu den Grünen. Der überzeugte Christ lebte immer nach dem Motto: Verantwortung für das eigene Handeln übernehmen, sich aus der "bequemen Zone des Einverstandenseins mit allem" herauszubegeben und Gegenwind zu ertragen. Veränderung, auch im Kleinen, strebt er bis heute an. Er ernährt sich rein ökologisch, besitzt schon seit den 70ern eine thermische Solaranlage und erklärte kurzerhand sein Auto zum "Nachbarschaftsauto", um Zweitwagen und Parkplätze zu sparen. "Vielleicht tragen diese Beispiele zum Umdenken bei", gab er seinen Zuhörern auf den Nachhauseweg mit.

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